KURZGESCHICHTE: Wir wissen es nicht

Es war später, kalter Herbst, der Abend schon weit fortgeschritten, über dem Wasser der Alster schimmerte die Nacht und ein kalter Nordwind fegte die wenigen Passanten, die noch unterwegs waren in die Häuser.

Pater Johannes vergrub die Hände in den Manteltaschen, aber er knöpfte den Kragen nicht zu, was notwendig gewesen wäre bei dieser Kälte; er lief auch nicht, sondern ging langsam und immer langsamer. Schließlich setzte er sich auf eine nasse Bank, als ob ihm alles gleich gültig wäre, was es auch wirklich war. Irgendwann, während eines sinnlosen Streits zwischen dem Jugendkonvent-vorsitzenden, dem ehrgeizigen und rechthaberischen Hinnerk Karstensen und dem verbitterten und verkalkten Bischof Mühsam, die den Seelsorgerkoordinationsausschuß seit Stunden mit ihrer persönlichen Feindschaft behinderten, war er einfach aufgestanden und gegangen. Er hatte so etwas noch nie gemacht. Nicht, dass er nicht schon oft Lust dazu gehabt hätte! Aber er hatte immer gedacht, er müsste das alles aushalten für GOTT! Alles aushalten, was die Bösartigkeit und Dummheit, das kleinliche Selbstmitleid und der große Irrtum der Menschen ihm zumutete, alles aushalten, alles verstehen und dann das Beste draus machen, das wäre seine Aufgabe, sein Platz, an dem ihn Gott gestellt hätte. Für Gott hatte er gearbeitet, gelebt, gelitten – und alles andere war zweitrangig, um nicht zu sagen irrelevant.

Nur war es eben so, dass dieser letzte Grund, sein einziger Grund schon seit einigen Wochen wegfiel. Pater Johannes war jetzt 63 Jahre alt und hatte seinen Glauben verloren. Freilich hatte er auch schon früher manchmal gezweifelt, aber er hatte seine Fragen, seine Angst, seine Not vor Gott und die Zweifel zum Verstummen gebracht. Dann hatte er zurückgefunden in seine Berufung und seine Arbeit. Es ist zum Lachen, dachte er jetzt. Der beliebteste Seelsorger des Viertels, ja vielleicht sogar ganz Hamburgs stirbt an Sinnlosigkeit. Denn dass er sterben würde, war ihm klar. Vielleicht würde nicht jeder Mensch, der seinen Sinn verloren hätte, sterben, er selbst aber ganz gewiss.

Am liebsten, er guckte schräg zwischen den eisernen Geländestäben hindurch, würde er in das strudelige, schwarze und eiskalte Wasser springen, wenn es nicht so strudelig, schwarz und eiskalt gewesen wäre. Er wusste, dass er gegen diese Strömung und diese Kälte in seinem Alter keine Chance hätte – binnen Sekunden würden sich seine Kleider mit Wasser vollsaugen und ihn wie einen Stein nach unten ziehen, das wäre es dann gewesen. Wie lange würde so ein Tod dauern? Ein paar Minuten, unangenehme, qualvolle Minuten, sicher, aber danach wäre es um, das ganze furchtbare Leben und er müsste nicht mehr an Annie denken. Typisch, dachte er, jetzt, wo ich versagt habe, wo es offensichtlich wird, dass mein wegweisender Glaube Schwindel ist: Die Arroganz eines Gutmenschen, der seine Vitalität mit christlicher Zuversicht verwechselt hat, sein Helfersyndrom mit Glaubensstärke, JETZT ausgerechnet muss ich an Annie denken! Jetzt, wo ich zu viel trinke, weil ich nicht mehr aus noch ein weiß, weil ich nicht mehr weiß, warum ich früh überhaupt noch aufstehen soll, jetzt muss ich dauernd an Annie denken, meine Liebe, die ich für meine Bestimmung aufgegeben habe.

Haha! Dachte er mit beißendem Spott. LIEBE! Ja, ganz genau! Das wird wohl eher Bindungsangst gewesen sein, warum ich mich so entschieden habe als das Bedürfnis Gott zu dienen und den Menschen, wie ich es damals so trefflich ausgedrückt habe. Alles, was er damals gesagt hatte, war so wohlgefügt, fast wasserdicht gewesen, Sentenzen direkt zum Mitschreiben. Jedes Gespräch mit ihm wirkte auf die Menschen, mit denen er sprach, lebensverändernd, richtungsweisend und jede seiner Predigten war – wie ihm von allen Seiten versichert wurde – ein echter geistlicher Genuss. Das hatte er doch tatschlich auf seinen Glauben, seine Liebe zu Gott zurückgeführt.

„Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über!“ Im Nachhinein fand er seine damalige Selbstsicherheit ziemlich spießig und die Einschätzung seiner Wirkung überheblich. Er war eben einfach ein sehr gut aussehender junger Mann mit einer schönen Stimme gewesen, der gut predigen konnte. Und das, was er seine Berufung genannt hatte, hatte für ihn damals eher den Charakter eines Heimspiels gehabt. Er wusste ja, dass er als Priester überzeugen würde. Ob er auch als Ehemann der jungen und reichen Anna Marie von Sehmsdorf überzeugen würde, war er sich dagegen überhaupt nicht sicher gewesen. Und trotzdem blieb Annie über all die Jahre in seinem Herzen lebendig. Sooft ihn eine Frau mit einem Blick, einem Wort, einem Lächeln berührte, behauptete diese erste und einzige Liebe ihren Platz in ihm und jetzt, wo er alles andere verloren hatte, musste er öfter an sie denken.

Anna Marie von Sehmsdorf war keine Unbekannte geblieben. Sie hatte mit ihrem Erbe ein bekanntes Kinderheim gegründet und einige hochgelobte Bücher über Kindererziehung und die Sehnsucht des Menschen nach Gemeinschaft geschrieben, die sich Johannes sofort nach ihrem Erscheinen besorgt hatte. Manchmal, wenn sein Blick über ihre Sätze von natürlicher Eleganz und einprägendem Scharfsinn geglitten waren, hatte er anerkennend gelächelt. Oft hatte er ihre Bücher fieberhaft nach einer Formulierung, einer Anekdote abgesucht, die auf ihn hinwiesen und dann hatte er geglaubt, es wäre doch alles gut geworden. Denn auch sie hatte ein erfüllendes Leben gehabt, in dem sie viel Gutes bewirkt hatte und sie beide wären wohl zu raumfüllende Persönlichkeiten für eine Ehe, in der einer auf den anderen Rücksicht nehmen musste.

Johannes stand auf und ging die Straße am Ufer entlang. Nur die weihnachtlich geschmückten und erleuchteten Fenster vermittelten etwas Wärme, ansonsten war alles nass und kalt. Der Wind schüttelte die kahlen Bäume jetzt voll Wut; die daran befestigten Lichterketten schaukelten gefährlich. Ratlos blieb erstehen, nahm eine Halbliterflasche schottischen Whiskey heraus und nahm ein paar kräftige Schlucke davon. So tief war er gesunken! Dass er vom Pfefferminztee zum Rotwein und vom Rotwein zum Whiskey gekommen war, enthielt nach seiner Beurteilung der Dinge eine gewisse Logik. Wenn dem Menschen sein Sinn abhandenkam, füllte die Seele, die nach alter Erfahrung kein Vakuum duldete, die leere Stelle mit etwas anderem, immer etwas Schlechterem, Minderwertigerem, zum Beispiel mit einer Sucht. Johannes hatte dieses Phaenomen in seinem Beruf oft und oft erlebt. Junge Männer fingen nach einer Enttäuschung in der Liebe an zu saufen, zu spielen sich in haltlose Abenteuer zu stürzen, manche wurden kriminell und zynisch; nicht einer hatte sich entschlossen, wenn es schon mit der Liebe nichts wurde, dafür die Abendschule aufzusuchen, sich der Malerei oder der Musik zuzuwenden oder die Stadtmeisterschaft im Tischtennis zu gewinnen. Ein Lottogewinn konnte vielleicht hier und da vom Himmel fallen, ein SINN sicherlich nicht. Wenn man ihn verloren hatte, war man ein armer Schlucker und wurde immer noch ärmer. So wie er jetzt. Nochmal zwei Schluck aus der Flasche.

Da vibrierte das Handy in seiner Manteltasche. Er wollte es eigentlich in die Alster werfen und nur aus alter Gewohnheit schaute er auf den Anrufer. Es war Friedhelm Funzel, Chefarzt der Palliatrie, der ihn in dringenden Fällen anrief. „Hör, mein Bester, du musst sofort kommen. Ich habe eine Patientin hier, mit der geht es bald zu Ende, ich weiß wirklich nicht, was ich noch machen soll … Zimmer 307, dritter Stock, okay?“ Und Johannes murmelte gegen den tobenden Wind und sehr zu seiner eigenen Verwunderung: „Okay.“ Seine Beine machten sich auf den Weg wie ein alter Karrengaul, aber innerlich dachte er: Arme Frau! Wird in der letzten Stunde ihres Lebens noch betrogen! Und hat keine Ahnung, dass der, der ihr das Falschgeld dieses Trostes andreht schon längst nicht mehr an Gott glaubt!“ –

Als er an der Bushaltestelle frierend von einem Fuß auf den anderen trat, wurde das Bedürfnis nach Hause zu fahren fast übermächtig. Im Grunde war er todmüde, wollte sich daheim einen blöden Film ansehen, eine Pizza essen und einschlafen. Gerade in dem Moment, als er endgültig entschlossen war, die Patientin in der Krebsstation allein sterben zu lassen, kam der Bus. Geistesabwesend betrachtete er auf der Fahrt die gigantische Baustelle, wo die neue Moschee errichtet wurde. Zu der Zeit, wo er zwischen Moschee-Befürwortern und Moschee-Gegnern vermittelt hatte, war er jeden Tag in der Zeitung gestanden und auch fast jeden Tag von Islamisten sowie Neonazis mit dem Tod bedroht worden. Es war fast komisch, dass die beiden extremen Gruppen, die sich sonst bis aufs Blut bekämpften, plötzlich einen gemeinsamen Feind hatten: Und zwar ihn. Das ging so lange, bis Bürgermeister Geröllheimer in einer für ihn ganz untypischen Weise das Wort ergriff in seiner berühmten Brandrede gegen alle Hass-Prediger und Terroristen, denen er nachwies, dass es ihnen überhaupt nicht um Moschee oder Nicht-Moschee ging, sondern einzig darum ihren sinnlosen Krieg aufrecht zu erhalten – und die Moschee gegen alles Gepläke durchsetzte. Von da an wurde auch Geröllheimer mit dem Tod bedroht. Ach, dachte Johannes, wenn sie mich hätten umbringen wollen, hätten sie schon längst getan. Mit Geröllheimer ist es schwieriger, der wird besser bewacht. Na, los! dachte er. Bringt mich um! Ihr habt es ja mit keinem Undankbaren zu tun. Dann geh ich als Held in die Geschichte ein und kann noch als gutes Vorbild dienen, bevor alles rauskommt.

Der Bus ruckelte durch die nächtliche Stadt. Es war spät, als er im Krankenhaus ankam, längst außerhalb einer wie auch immer ausgedehnten Besuchszeit. Er öffnete die Tür zum Zimmer 307 leise und trat ein. Eine dürre, zusammengesunkene Frau lag an alle Infusionen angeschlossen in dem aseptisch riechenden Halbdunkel des Zimmers. Sie atmete flach. Ihre geschlossenen Augen lagen tief in den Höhlen, die pergamentartig durchsichtige Haut spannte gespenstisch über den Wangenkochen. Johannes zog einen Stuhl an ihr Bett und setzte sich. Am liebsten hätte er auch ein Bett gehabt: Sich hinlegen, nichts mehr müssen, einschlafen und nicht mehr aufwachen, das kam ihm jetzt wie eine Erlösung vor. Was sollte er denn sagen, wenn die Frau die Augen öffnete? „Gelobt sei Jesus Christus“? Die Worte würden ihm kaum herauskommen. Er ließ den Kopf sinken, nur einen Moment die Augen zu machen, nur eine Minute. Als er sich erschrocken aufrichtete, spürte er einen Blick. Die Frau im Sterbebett hatte die Augen geöffnet. „Ich bin Pater Johannes“, fing er an.

„Ich weiß“, sagte sie leise. „Wie geht’s dir, Hannes?“

Er wusste nicht, was er tun sollte. Die Zumutung dieser Tatsache fand nicht so schnell Eingang in sein Denkvermögen.

„Annie“, flüsterte er schockiert. „Du bist es?“

„Ja.“

„Aber, aber, du bist doch noch gar nicht so alt, was ist denn passiert, wie kann denn das sein …“, stotterte er. Der Anblick war zu entsetzlich, als dass er hätte sitzenbleiben können. Es trieb ihn hoch und er lief im Zimmer herum.

„Krebs“, antwortete sie.

„Aber das in der heutigen Zeit“, begehrte er auf. „Hat man denn schon wirklich alles versucht?“

„Hannes,“ bat sie. „Setz dich hin.“

Als er es endlich geschafft hatte, sich zu setzen, musste er sich gründlich schnäuzen.

„Aber warum…“ redete er weiter. “Wie kann das sein? Es ist alles so … ungerecht!“

Sie sah ihn an und sagte nichts. Ihre Augen in einem tiefen Violett-Blau waren noch ihre eigenen.

„Du hast mich rufen lassen“, meinte er und versuchte, sich zusammenzureißen.

„Nein,“ erwiderte sie.

„Nein. Dr. Funzel wollte mir einen Seelsorger schicken, aber es ist schön, dass du da bist. Ich sehe dich gerne noch einmal.“

„Und dabei wäre jeder andere hier besser als ich. Annie, ich kann dir gar nicht helfen, ich … ich glaube nicht mehr an Gott.“ Jetzt war es heraus und irgendwie wunderte er sich, dass das Krankenhaus nicht einstürzte, aber er spürte mit heißer Angst, dass er zu diesem einen Menschen ehrlich sein musste. Er brachte nichts mehr anderes zu Stande. Nein, das Gebäude stürzte nicht ein, wackelte nicht einmal, das Holzkreuz an der Wand über dem Sterbebett sah noch genauso aus wie vorher und auch die todkranke Anna Marie darin.

„Ja, so“, murmelte sie.

„Ich … ich werde für dich jemand anderen holen“, bot er an.

„Nein, bleib da, wenn du es noch ertragen kannst.“

„Ob du mich noch ertragen kannst, darum geht es. Es ist ein Unglück, dass du mich so, in diesem Zustand erlebst …“

„Wie ist es denn passiert?“, fragte sie.

„Ach, ich weiß nicht … es wurde eigentlich immer schlimmer. Es war zu viel Gewalt und Elend, zu viele Obdachlose in dieser steinreichen Stadt, die von Frostbeulen übersäht und von Tieren buchstäblich zerfressen waren, zu viel Hass zwischen Christen und Christen, zwischen Muslimen und Muslimen, Juden und Juden, Christen und Muslimen, Christen und Juden, zu viel Hass zwischen Mühsam und Karstensen, Mühsam und Finsterwald, Mühsam und … und … und in dem Haus neben mir wohnt eine junge Frau mit einem kleinen Baby, der der Hauswirt eine blutsaugerische Miete abnimmt und noch kostenlosen Sex dazu verlangt, sonst müsste sie mit ihrem Kind unter der Brücke schlafen. Wir bitten Gott für alle diese Menschen um Heilung des Hasses und des Unglücks. Wenn er eingreifen wollte, hätte er es schon längst getan! Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr an einen liebenden Gott glauben bei all der Folter, dem Hunger, den Kriegen. Nichts auf dieser Welt ist gut, gar nichts und ich … und ich … habe angefangen zu saufen, weil ich keine Nacht mehr durchschlafen kann vor Angst, dass mich die Islamisten, die Neonazis oder Gott weiß wer in die Luft sprengt, sie haben es hundertmal angekündigt. Inzwischen WILL ich direkt tot sein, damit alles um ist, verstehst du?“

Sie nickte. „Das passiert jeden Tag, dass ein Mensch vom Glauben abkommt; ein viel größeres Wunder ist es, wenn er NICHT davon abkommt, aus Gründen, die du gerade gesagt hast.“

Er fühlte, dass er enttäuscht, fast beleidigt aussehen musste, denn ein nadelfeines Lächeln überblendete ihr gelbliches, eingefallenes Gesicht.

„Hast du erwartet, ich würde dir einen Gott aufschwatzen, zu dem du kein Vertrauen mehr hast? Es hat ja irgendwann so kommen müssen.“

„Wieso?“, begehrte er auf.

„Weißt du, du warst schon als ganz junger Mensch sehr überzeugt von dir und deinen Ansichten, da wird man später leicht etwas verbittert, weil sich die Welt ja doch unserer Einflussnahme entzieht. Wir sind nur ein bisschen Energie, die sich Stück für Stück verbraucht. Und wenn man spürt, dass es mit der eigenen Energie nicht mehr weit her ist, ist das natürlich sehr ärgerlich.“

„Was soll das heißen?“, schnaubte er. „Willst du sagen, dass ich überhaupt NIE ein Vertrauen in Gott hatte, sondern nur in mein eigenes Wirken?“

„Das ist doch das, was du von dir selbst denkst, oder?“ gab sie zurück und fuhr fort: „Ich habe nicht gesagt, dass du GAR kein Vertrauen in Gott hattest, sondern nur, dass du MÄCHTIG viel Vertrauen in dich selbst hattest und jetzt, wo du siehst, wo du damit gelandet bist, bist du enttäuscht von dir selbst. Du willst ja auch nicht Gott abschaffen, sondern dich selbst und bist dem lieben Gott böse, dass er dir diese narzisstische Kränkung nicht erspart.“

„So!“, schrie Johannes. „So warst du schon immer! Ich … ich habe meinen Glauben verloren und leide wirklich darunter und du sagst: Narzisstische Kränkung! Ich … ich bin bloß froh, dass ich dich nicht geheiratet habe!“ Aber schon während er es herausschrie, fühlte er, dass er nicht die Wahrheit gesagt hatte. Im Gegenteil, er hätte ein ganz anderer Mann, ein ganz anderer Mensch werden können, wenn Annie an seiner Seite gegangen wäre.

„Ich bin auch froh“, lächelte sie. Aber sie sagte nicht, worüber.

„Schau, ich habe wirklich alles in meiner Macht Stehende getan in der Moschee-Angelegenheit“, fing er wieder an. „Warum hilft Gott mir nicht, warum ernte ich nichts anderes als Erschöpfung und Todesdrohungen?“

„Ich weiß es nicht, Hannes. Dass du nicht an die Politik glaubst, ist verständlich, es passt zu deinem Charakter, dass du nicht an Bischof Mühsam glaubst und seine gottbegnadete Beschränktheit, nicht an die Schönheit der Welt, du hast zu viele Bettler gesehen, nicht an die Gerechtigkeit im Allgemeinen, das ist klar. VIELLEICHT hast du in deinem hektischen Leben sogar Gottes Führung aus den Augen verloren, aber von der Liebe Gottes bist du nicht getrennt, das ist ja auch unmöglich.“

„AMEN!“, knirschte er. Auf dem Nachtkästchen der Kranken standen viele Getränkeflaschen und Johannes hatte inzwischen einen Apfelsaft, eine halbe Flasche Wasser und ein Glas Cola niedergemacht. Jetzt faltete er behutsam einen Packen Kinderzeichnungen auseinander, die obenauf lagen. In großen, wackligen Buchstaben stand: „Deine Ayla“ unter den Bildern.

„Das ist … von meiner Kleinen“, flüsterte Annie. „Sie ist erst fünf Jahre alt. Ich habe sie als Baby auf meiner Schwelle gefunden, sie ist wirklich wie mein eigenes Kind. Sie … sie wird nicht verstehen, dass ich nicht mehr bin und ich …“ Ihre Stimme zitterte. Dass ich Ayla verlassen muss, ist wie ein zweiter Tod für mich.“ Johannes nahm ihre Hand, schneller, entschlossener als das erste Mal in seinem Leben.

„Ich werde dein Kind lieben wie nichts und niemanden zuvor, das weißt du aber! Ich gehe da hin, als wäre ich immer da gewesen und helfe bei allen Kindern, wo ich irgend helfen kann.“

„Ja.“

Er sah, dass sie die Augen geschlossen hatte unter einem gewaltigen Schmerz, einer unendlichen Anspannung, sah wie sich Tränen aus ihren Augenwinkeln lösten und über die Pergamenthaut liefen. Wie das jetzt aushalten, dass sie so leiden musste?!

„Gott“, stotterte er in seinem Inneren. „Du hast ihr trotzdem eine Familie gegeben, ein Kind, das sie liebt, bitte gib ihr die Zuversicht, dass du für es sorgst, wenn sie es nicht mehr kann …. Verdammt, Gott und auch, wenn ich nicht an dich glaube, vergiss das jetzt mal und HILF UNS BITTE!“ Der weg zu ihr war von beiden Seiten durch Infusionen versperrt.

„Diese Nadeln“; fragte er. „Brauchst du die noch?“

„Ach, wo …“

Vorsichtig löste er das Pflaster von ihrem dünnen, faltigen Arm und zog die Nadel heraus; er schob die ganze Apparatur auf die Seite und legte sich neben sie. Klackend fielen seine Schuhe auf den Linoleumfußboden.

„Für Ayla ist gesorgt, du Dummes“, versicherte er leise. „Gott wird sich ihrer annehmen und ich … ich bin schließlich auch noch da.“

„Danke, Hannes“, murmelte sie, während er die flache Flasche aus der Jackettasche zog.

„Guck mal Annie, ich habe hier was Stärkeres, willst einen Schluck?“

„Ich muss es doch wieder herausspeien.“

„Wenn schon! Wen interessiert das?“ Sie trank tatsächlich etwas aus der Flasche.

„Brennt wie Feuer“, murmelte sie. Mit unendlicher Erleichterung spürte er, wie sie sich entkrampfte und an ihn sinken ließ.

„Hast du irgendwelche Sünden zu beichten?“, fragte er und sie lachte heiser und musste husten. „Wenn dir was einfällt, fang einfach an“, gähnte er. „Ich bin da, ich höre dir zu …“, aber während des letzten Wortes war er eigentlich schon eingeschlafen. –

Johannes ging in die Krankenhauskapelle, um eine Stunde allein zu sein. Er trauerte tief um Anna Marie, die in der Nacht in seinen Armen gestorben war. Später schob ihn Friedhelm Funzel in eine Art Bad und reichte ihm eine Zahnbürste und einen Einweg-Rasierer hinterher. In der Kantine antwortete Johannes nur sehr einsilbig auf Friedhelms vorsichtige Gesprächsangebote, aber er trank dankbar den dünnen, heißen Kaffee und aß eine Portion Rührei mit Brot. Friedhelm stellte gerade ein Glas Orangensaft und ein Erdbeerjoghurt vor ihn hin, als plötzlich zwei Herren in Polizei-Uniform auf ihn zustürzten.

„Um Himmels Willen, Pater Johannes! Gott sei Dank ist Ihnen nichts passiert! Wir sind vor Sorge fast verrückt geworden!“

„Und warum das?“, fragte Johannes perplex.

„Heute Nacht wurde Ihr Wohnhaus mit einer Bombe in Schutt und Asche gelegt. Ein feiges Attentat! Inzwischen haben sich schon die „Gemeinschaft islamischer Kämpfer“ zu dem Anschlag bekannt und die „Kameradschaft Schlagseite Nord“. „Schlagseite Nord?“, wiederholte Johannes. „Heißen die wirklich so?“ Die Polizisten nickten düster.
„Wir sind die Polizeihauptmeister Brandstätter und Köhler. WARUM hatten Sie ihr Handy nicht eingeschaltet?“

„Ich war zu einem Sterbefall hier und habe es in der Manteltasche vergessen.“

„Hören Sie, wir haben jetzt eine sichere Wohnung für Sie, die bis wir Klarheit haben rund um die Uhr bewacht wird. Es kann auch sein, dass an dem Anschlag der Hausbesitzer beteiligt ist, der die Versicherungssumme kassieren will, aber bis wir das sicher wissen, müssen Sie sich aus der Öffentlichkeit heraushalten.“

Johannes nickte. „Also gehen wir“, drängte Brandstätter. „Wenn Sie vorher noch das eine oder andere einkaufen wollen, werden wir Sie begleiten.“

„Im Moment nicht“, lehnte Johannes ab. „Ich muss zuerst noch ins Kinderheim Blumental in der Pestalozzistraße.“

Im Auto sah Johannes in den trüben Morgen hinaus. Es hatte angefangen zu schneien.

„Ich hätte da mal eine Frage“, begann Köhler. „Was sagt ihr Pfarrer eigentlich dazu, dass manche Menschen an Gott glauben und andere können es nicht, nie, auch nicht, wenn sie es wollten? Wieso ist das so seltsam eingerichtet, irgendwie ungerecht, oder?“

Johannes betrachtete die zusammengefalteten Zeichnungen in seiner Hand und schwieg lange, bevor er antwortete:

„Wir wissen es nicht.“ –

 

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