Überleben im Verkehr

Mein Vater war ein altmodischer Gelehrter reinsten Wassers, einer der wenigen geistigen Menschen, die ich jemals gekannt habe.

Sogar vor einer grünen Ampel, vor der ihm regelmäßig der Motor auszugehen pflegte, konnte er fehlerfrei „res publica“ (Lateinisch: Der Staat) deklinieren. Ich habe es selbst erlebt.

Er saß wieder einmal ratlos vor seinem Lenkrad, als hinter uns ein Hupkonzert losging.

„Ruth’l“, meinte er. „Was machen wir denn jetzt?“
„Chef!“, erwiderte ich „Ich weiß es auch nicht! Aber wir müssen schleunigst weg hier.“

Er guckte sorgenvoll durch die Windschutzscheibe, rührte sich aber nicht. In dem Moment fragte ich mich – aber nur ganz kurz, das muss zu meiner Ehre gesagt werden – ob es ihm überhaupt noch gut ging. Und nur um das zu testen, fragte ich ihn:

„Chef, deklinier mal: res publica!“
„Res publica“, antwortete er. „Rei publicae, re publica, rem publicam, re publica, res publicae, rerum publicarum …“
„Äh … Chef“, unterbrach ich. „müsste es nicht rerum publicOrum heißen?“
„Nie und nimmer“, entrüstete sich der Chef. „Res ist Neutrum, das weiß man doch. Aber…“

In dem Moment klopfte ein Mann ans Autofenster und fragte, ob er uns aus dem Weg schieben sollte, was wir verneinten und baten, er möchte uns anschieben. Schließlich sprang der Motor wieder an.

„Danke schön!“, meinte der Chef. „Das war sehr hilfreich, sehr nett von Ihnen.“
„Horch amol, Master!“, erwiderte der Mann.
„Lo halt amol widder dei Standgas eistelln.“
„Wie bitte?“ fragte der Chef.
„Damidder dei Modor ned allaweil freggd, maan iich …“
„Aha, vielen Dank.“

Der Chef versprach wegen des Standgases mit der Autowerkstatt seines Vertrauens Rücksprache zu halten, vergas es aber immer wieder. Warum vergas er es, wo er doch wusste, dass seine Fahrkünste in Kombination mit der Kondition seines Vehikels regelmäßig diplomatische Zwischenfälle vor grünen Ampeln provozierten?

Vielleicht hat er es vergessen, weil die praktischen Probleme des Lebens für ihn eine Art Rauschen an der Peripherie waren, nicht ganz real und er sich die meiste Zeit seines Lebens in geistigen Gedankengebäuden aufhielt. Vielleicht vergas er es, weil Langsamkeit seinem Lebensgefühl entsprach und er sich von der Hektik und dem Hupen der anderen ungern manipulieren ließ.

Zum Beispiel hatte ich es als Kind nie erlebt, dass mein Vater zum Telefon gerannt wäre.

„Es klingelt!“, sagte ich. „Warum gehst du nicht hin?“

„Ich GEHE ja hin“ gab er zurück. „Aber nur weil irgendwo irgendeiner 20 Pfennig in einen Apparat wirft, werde ich jetzt nicht zu RENNEN anfangen!“

Wie wir die Dinge unseres Lebens bewältigen, hängt nicht in erster Linie von dem rein kognitiven Wissen ab, sondern von unserem Realitätsbezug und Lebensgefühl. Böse Zungen behaupten z. B. , dass ich es in meiner Harmlosigkeit durch meine berüchtigten Radfahrkünste schon zu einem lokalen Sicherheitsrisiko gebracht habe. Von wohlmeinenden Mitmenschen wurde mir wiederholt und schwer atmend die Vorfahrtsregel erklärt, die besagt, soweit ich das verstanden habe, dass man, wenn man nicht gerade von rechts kommt, am Straßenrand einzuwurzeln habe, um abzuwarten, ob von rechts irgendwann vielleicht doch noch einmal ein Autochen vorbeikommt.

Aber dieser Blödsinn entspricht eben überhaupt nicht meinem Lebensgefühl. Wenn ich Rad fahre, will ich auch Rad FAHREN und nicht Rad SCHIEBEN und die einzige Regel, die mir einleuchtet ist:

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Aber was bleibt mir übrig? Da die gesamte Umwelt so sehr darauf herumreitet, versuche auch ich mich inzwischen an die Vorfahrtsregel zu halten. Wenn ich es nicht aus Versehen vergessen habe, heißt das.

In diesem Fall bitte ich um Entschuldigung.

 

Noch am Leben

Ein Mensch fährt im Verkehrsgewühl
Nicht mit Verstand, sondern Gefühl,
Sieht nicht, was es für Schilder gibt
Und macht sich reichlich unbeliebt.

Da kommt Erkenntnis wie ein Knall:
„So geht das nicht – auf keinen Fall!
Ich bin ja ein Verkehrsproblem
Gefährde mich auch selbst zudem!“

Er lernt die Regeln im Verkehr
Und auswendig sagt er sie her.
Nur spürt er dumpf in seinem Streben
Er will auch etwas Spaß im Leben.

Gehts nach Verstand oder Gefühl –
Intuition oder Kalkül?
Am Schluss dem Mensch die Lösung scheint
Dass alle beide er vereint.

So fährt er vorsichtig, doch heiter
Nicht rasend, aber zügig weiter,
Bleibt auch am Zebrastreifen stehen
Und lässt die Kinder drüber gehen.

Im Dunkeln achtet er auf Licht
Und überholt im Nebel nicht,
Wodurch er heut durch Witz und List
TATSÄCHLICH noch am Leben ist.

 

Hat der Beitrag gefallen?
Gesamtbewertung: 4.8 (30 Bewertungen)
Abschicken

 


Überleben im Verkehr - Glosse von Ruth Hanke
Glossen von Ruth HankeÜberleben im Verkehr

  • Michaela

    Bitte keine Verkehrsregeln vergessen, damit kein Unglück passiert und wir noch viele dieser nachdenklichen, schönen, inspirierenden, wortgewandten, heiteren, … Glossen, Geschichten und Gedichten lesen können.

  • Heike Boebel

    Das Gedicht „Noch am Leben“ beschreibt sehr humorvoll, dass es auch „anders“ geht. Ich hab immer noch ein Lächeln im Gesicht…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bewertung