Fallenlassen

Für Tim Wojahn

 

Ich litt unter fundamentalen Zahnschmerzen und mein Zahnarzt hatte Urlaub. „Ich bring dich zum Tim, das ist ganz ein Lieber!“, hatte der Randolf gesagt. Es ist schon erstaunlich, dass ich, obwohl ich den Randolf seit 47 Jahren kenne, immer noch auf seine schwammigen und irreführenden Reden hereinfalle, in denen sich Wahrheit und Subjektivität merkwürdig vermischen. Der erste Teil des Satzes bewahrheitete sich sofort: „ … ich bring dich zum Tim“, der zweite Teil: „ganz ein Lieber“ hatte mich in Erwartung eines Weihnachtsmannes aus der Coca-Cola-Reklame versetzt.

Aber der Mann, der auf mich zukam, erinnerte mich an einen Vogel, vielleicht einen Falken oder Mauersegler, denn zuerst nahm ich an ihm seine Bewegung wahr. Er hatte etwas entschieden Zugiges an sich, verbreitete um sich ein Wetter, wie wir das aus unseren Dänemark-Urlauben an der Nordsee kennen: Frischer Wind, bewegte Gräser auf Sanddünen, funkelnde Sonne, kaltes Wasser. Nicht, dass wir die Kälte nicht lieben. Stereotyp fahren wir in den Norden: Dänemark, Kanada, Norwegen, Finnland, sind niemals in den Süden gefahren. Ich betrachtete ihn und er lies sich nicht betrachten, denn er dachte wohl, er wäre nicht zum Modellstehen da und ob ich einen passenden Vergleich für seine Haarfarbe fände, wäre vielleicht auch nicht so wichtig. Ich kriegte ihn nicht arretiert und musste also zuhören. Er erklärte mir die Klappmechanik des Gebisses. Wie ein Kiefer funktioniert, hielt ich bisher für ein Axiom der biologischen Ausstattung des Menschen und ob – und in welcher Weise – ich das jetzt zur Kenntnis nahm, hielt ich für nicht so entscheidend. Das sah er ganz anders. Er wollte, dass ich begreife, was er mir erklärt und WOLLTE das wirklich. Offenbar war er mit meinem Gebiss sehr unzufrieden, da schien es am Notwendigsten zu fehlen: Zuerst einmal an Zähnen, schon klar, rechts und links hinten fehlten ein paar, oder okay, ein paar mehr, aber auch sonst nannte er meine Zahnversorgung „eher suboptimal“, wahrscheinlich weil so ein Ausdruck wie „miserabler Pfusch, verbrochen von einem Arbeitsscheuen“ in seinem Wortschatz nicht vorkam. Er wich nicht von der Behauptung ab, dass er um der Zukunft meiner Zahngesundheit willen so gut wie alles erneuern müsste.

Ganz ein Lieber …? Die alte Frage, was man unter Liebe, in seinem Fall berufliche Fürsorge subsummiert, beantwortete er durch seine Rede und sein Verhalten während der nächsten Behandlungen. Er versteht darunter Fachkompetenz und Engagement, das heißt faktisch: Eine ruhige Hand, einen tollen Sense für Gewebe, Nerven, Knochen, fundamentale Kenntnisse auf dem neuesten Stand, weiß auch als Kiefernchirurg alles, was man tun kann und muss. „Man soll dem Patienten nicht zu viel Freiheit lassen, da kommt oft nichts Gescheites dabei heraus!“ Mit meinen schadhaften Zähnen kaute ich auf diesem Spruch herum und verstand allmählich, was er meinte: Er strebte Behandlungen nach einem Konzept an, bei dem die vorhandene Zahnsubstanz erhalten und geschützt würde, flankiert von Maßnahmen, die eine optimale Funktionsfähigkeit des Gebisses auf lange Zeit gewährleisten sollten – unter Berücksichtigung des Klappmechanismus der Kiefernknochen.

Also gut. Ich wusste zwar immer noch nicht, wo ich ihn hinstecken sollte. „Er ist ein bisschen bossy, oder?“, fragte ich den Randolf, der mir, großzügig wie ein Lord, seine bisherige Einschätzung umsonst wiederholte: „Ganz ein Lieber!“ Inzwischen verdeutlichte Tim mir, wie ich an meiner Einstellung arbeiten könnte: „Fallen lassen“, sagte er, sollte man sich beim Zahnarzt, weil man ja „alle Kontrolle abgegeben“ und „sich dem anderen ganz ausgeliefert hätte“. Ich fragte mich, ob die meisten Menschen bei „fallen lassen“, „Kontrolle abgeben“ und „sich einem anderen ganz ausliefern“ wirklich an einen Zahnarzt denken. Sie, gell! Wenn Sie jetzt denken, dass er irgendetwas gesagt oder getan hätte, was zu sehr am Rand war, aber nebbich! Nein, jetzt nur mal ganz sachlich, hatte er einfach Recht: Ohne Entspannung, (die erst einmal die innere Bereitschaft dazu voraussetzt), ist eine Zahnbehandlung doppelt so schmerzhaft und schwierig und deswegen ist es logisch, dass er so deutlich um Vertrauen warb, weil es für den Patienten, mich, und den Arzt, ihn, alles viel leichter machte.

Danach wurde alles einfach. Ich lies ihn machen und kriegte seine ungewöhnliche Persönlichkeit auch endlich so arretiert, dass ich ihn ausgiebig betrachten konnte: Seinen ruhigen Blick, die konzentrierte Energie, die schöne Stimme, das nahtlose, unaufgeregte Zusammenarbeiten mit den Sprechstundenhilfen, seine deutlichen Ansichten, den leisen Humor. Beim Einfädeln des Kunststofffadens guckte er manchmal in den Himmel, irgendwie verträumt. Und wirklich: Je tiefer er sich in die Arbeit – und also in meine Zähne – versenkte, desto emotionaler wurde er im positiven Sinn: So, als ob sich beim Bohren, Füllen, Nähen, beim Reparieren, Zähne einsetzen und Überkronen tatsächlich sein Leben erfüllt. Manche Menschen werden so gelöst wie er in der höchsten Konzentration, wenn sie getrunken haben oder während aufregender Hobbies. Blumen sind mein Methadon – Worte sind mein Rausch. Bei ihm ist es die Arbeit und ich verstand ihn plötzlich.

Bevor ich zu ihm kam, hatte ich einige beunruhigende Träume, dass mir Zähne ausfallen würden. Als psychologisch fundierter Mensch laborierte ich an verschiedenen Traumdeutungen herum. Aber mein Vater hat ja einmal behauptet, meine Träume wären kaum verschlüsselt. Als alle Füllungen erneuert waren, hörten die Träume plötzlich auf. Witzig: In dem Traum über Zähne, ging es um ZÄHNE. Nichts sonst. Vielleicht hatte mir mein Unterbewusstes schon lange sagen wollen: Die Zähne sind nicht stabil, unternimm etwas.

Und mit Tim kann man wirklich sehr gut zusammenarbeiten. Zu den allseits bekannten Regeln, versteht sich: Ich bin unten, er ist oben, schon klar. Aber ansonsten ist er ganz ein Lieber. Womit der Randolf wieder Recht hat. Natürlich!

 

User Rating: 1.2 (42 votes)
Sending

 


Fallenlassen - Glosse von Ruth Hanke

Fallenlassen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bewertung

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.