Wiener Walzer

An einer Hand kann ich abzählen, wie oft ich in meinem Leben mit meinem Vater, dem Chef, getanzt habe.

Das erste Mal war es am 8. Juni, seinem 40. Geburtstag, an dem meine Mutter ein wunderschönes, rauschendes Gartenfest für ihn organisiert hatte und ich war 10 Jahre alt.

Die Geburtstagsparty startete am frühen Abend, es waren viele Gäste da, alle heiter, festlich gekleidet, die sich in den geschmückten Garten ergossen. Alle Zimmer der großen Villa waren erleuchtet, ein delikates Buffet war aufgebaut und überall standen große Schalen mit Erdbeeren und Bowle. Traumhafte Melodien geisterten durch die Nacht bis genau um halb elf. Da erklang die Aufforderung, sich mit den Damen im Atrium zu dem Abschiedstanz: „Good Night, Ladies!“ aufzustellen. Die Männer und Frauen stellten sich gegenüber in einem großen Kreis auf, worauf die Männer bei jedem „Good Night, Ladies“ von einer Dame zur anderen schritten, sich verbeugten, und die dritte Dame um die Taille fassten und zu der schwungvollen Country-Melodie dreimal im Kreis herumwirbelten. Es gab noch viele Figuren, die zu diesem Abschiedstanz gehörten und er wurde so lange getanzt, bis jeder Herr mit jeder Dame einmal das Vergnügen des Herumwirbelns gehabt hatte. Mit diesem Tanz war das Fest beendet und man trennte sich auf dem Höhepunkt der Stimmung mit romantischem Überschwang und Sternchen in den Augen. An diesen Tanz erinnere ich mich genau, auch dass ihn der Chef wie alle anderen mitgetanzt hat, ohne, dass etwas besonders aufgefallen wäre.

An meiner Hochzeit war das etwas anders. Den ersten Tanz tanzten traditionell der Randolf und ich zusammen auf der sonst leeren Tanzfläche. Wir hatten für diesen Moment lange genug geübt, außerdem war unsere Tanzstunde auch noch nicht lange her, so dass wir den Walzer mühelos bewältigten. Der zweite Tanz, schrieb das Hochzeitsprotokoll vor, brachte den Randolf mit seiner Mutter und mich mit dem Chef zusammen. Er, der Brautvater trug an diesem Tag einen schwarzen Anzug, in dem er sehr elegant aussah, verbeugte sich selbstbewusst, ergriff meine Hand, legte die andere um meine Taille, wartete den ins Blut rauschenden Rhythmus des Wiener Walzers ab und los ging es – oder sollte es eigentlich. Tatsächlich war ich geistig schon woanders, stellte aber fest, dass wir immer noch am selben Platz waren.

Seinen linken Fuß hatte der Chef, wie ich zu meiner maßlosen Verwunderung feststellte, komplett starr wie festgeschraubt auf dem Parkettboden montiert, mit dem linken vollführte er, mich im Arm, eine Art Sternschritt, einen Ausfallschritt, der sofort wieder in die Ursprungslage zurückfiel. „Äh, Chef“, wunderte ich mich. „Was soll denn das für ein Tanz sein?“ „Wiener Walzer!“, behauptete er mit dem Brustton der Überzeugung. „Echt? Ich habe das Gefühl, als ob wir gar nicht vorwärts kommen.“ „Doch, doch, Ruthl! Das haben wir ganz genauso in der Tanzstunde in Schweinfurt so gelernt!“ „Aber guck Mal: Die Mama ist mit dem Schwiegervater inzwischen schon dreimal im ganzen Saal herum gekommen!“

„Die wird ja auch falsch geführt!“, erwiderte er mit der Überzeugungskraft eines Menschen, der weiß, dass er Recht hat. Abgesehen davon, dass wir buchstäblich auf der Stelle traten, war es eigentlich kein schlechter Tanz. Wir unterhielten uns über die Predigt, ohne aus der Puste zu kommen, waren niemals in der Gefahr vor lauter sportlichem Ehrgeiz mit andern Paaren zu kollidieren und fühlten, unabhängig vom Diktat der Klänge das gegenseitige Einverständnis geistiger Harmonie.

Später fragte ich meine Mutter: „Sag mal, was tanzt denn der Chef da für ein Zeug zusammen, er behauptet, das hätte er in der Tanzstunde in Schweinfurt so gelernt. Kann das sein?“
„Sicher!“, erwiderte sie. „Dein Vater hat eine Tanzstunde besucht, das ist wahr und da haben sie ihm diesen Grundschritt beigebracht. Mit dem ist er seither zufrieden. Zu einer zweiten Tanzstunde ist es nie gekommen. Du siehst ja“, lächelte sie. „ Es geht auch so.“

Kein anderer Mann auf der Hochzeit war vielleicht mit seinen Tanzkünsten so tief einverstanden wie der Chef, völlig frei von der Angst, etwas falsch zu machen, völlig frei von dem Zwang etwas beweisen zu müssen und verbunden mit seiner Tanzpartnerin durch Gemeinsamkeit und Lachen.

Ich habe diesen Tanz auf der Stelle noch immer als heitere Pause im großen Wirbel des Festes in Erinnerung – und so ist dieser Wiener Walzer mit meinem Vater wirklich unvergessen geblieben.

 

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Wiener Walzer - Glosse von Ruth Hanke
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