Geschäftsmodell nach Kilian Lenard

Es war ein heiterer Tag in diesem Herbst, als ein Brief ins Haus geflattert kam von einem Rechtsanwalt namens Kilian Lenard, von dem ich aufgefordert wurde wegen einer „Persönlichkeitsverletzung Datenschutz ‚Google Fonts'“ ihm schnell mal eben 170 Euros zu überweisen, dann würde er, nach Behebung aufgeführter Mängel, „die Sache auf sich beruhen lassen.“ Denn „Google Fonts ist auf Ihrer Webseite derart installiert, dass u.a. die IP-Adresse des Besuchers Ihrer Webseite an Google in den USA weitergeleitet wird.“ Und das würde die genannte Verletzung des Persönlichkeitsrechts darstellen. Ich fiel aus allen Wolken und betrachtete den Schrieb genauer. Die mir bekannten Anwaltskanzleien hatten bisher peinlich genau auf einen superkorrekten, etwas steif leinenen und altväterischen Stil Wert gelegt, weswegen mir schon das Papier seltsam vorkam: Die Haptik fühlte sich lasch, weichlich und dünn an, ganz anders als die steifen, dokumentartigen Blätter in strahlendem Weiß, die ich bis dahin kannte. Aber auch darüber konnte mich mein Sohn Daniel, ein inzwischen voll vereidigter Anwalt, kühl wie eine Gurke, aufklären: „Weißt Du, Mama, wenn man geschätzt 200.000 solcher Briefe über die ganze Republik verschickt, muss man beim Papier schon ein bisschen auf den Cent schauen.“

Natürlich war ich entsprechend schockiert, denn als Mensch meiner Generation denkt man automatisch, wenn man Post von einem Anwalt bekommt, man hätte sich etwas zu Schulden kommen lassen und nicht, was aber der Fall war, dass es sich einfach um ein neues Geschäftsmodell handelt.

Das Wort „Geschäft“ ist in unserem Land und zu unterschiedlichen Zeiten ja schon sehr unterschiedlich verwendet worden, das muss man sagen. Es handelt sich hier nicht – ich wiederhole wohl nicht! – um das Geschäftsmodell Bankraub. Denn bei einem Bankraub kommt im allgemeinen eine Pistole vor und Pistole habe ich keine gesehen. Und wenn ich mich durch diese abrupte Aufforderung Geld herauszurücken, ohne dass einem überhaupt eine Frist eingeräumt wurde, den aufgeführten Mangel, gutwillig zu beheben, am Hals gewürgt und in meiner seelischen Contenance beeinträchtigt fühle, ist das ja wohl meine Sache. Vor allem aber erbeutet ein Bankräuber im Durchschnitt deutlich mehr als 170 Euro. „Weiß ich nicht, Mama“, überlegt mein Sohn. „Wenn auch nur 1% von 200.000 die geforderten 170 Euro zahlen, wieviel ist denn das? 170 mal 2000? Und ich sag Dir was, es zahlen viel mehr als nur 1%; vielleicht 5% oder 10 % oder noch mehr.“ Gut, also die Einnahmen sind vielleicht ähnlich wie bei einem Bankraub, eventuell größer, aber schließlich wird ja bei einem Bankraub zeitlich sehr aggressiv vorgegangen: Da muss man sich als Überfallener schnell entscheiden, ob man sich auf den Boden werfen oder sich erschießen lassen soll. Das ist hier doch anders, da kommt ein Brief und man hat gemütlich Zeit, sich zu beraten, oder?

Ganz so gemütlich auch wieder nicht: Der Brief kam an am 18. Oktober. Dafür gibt es Zeugen. Oben auf dem Datum steht aber: 1. Oktober 2022. Wahnsinn, gell? Braucht ein Brief von Berlin bis hierher geschlagene 17 Tage? Diese Post! Hin wiederum komisch: Die Vollmacht, die wir an Daniel geschickt haben, der auch in Berlin wohnt, kam innerhalb eines Tages bei ihm an. Mit derselben Post. Am Schluss des Briefes steht in der Zahlungsaufforderung, dass wir bis zum 16. Oktober 2022 zahlen sollen. Aha, also am 18.10. wird mir mitgeteilt, dass ich vor 2 Tagen hätte zahlen sollen. Rückwirkend Angst zu verbreiten, kriegen, glaube ich, auch die Bankräuber mit ihrer Pistole nicht hin, und wenn sie noch so schnell sind. Woran man klar erkennt, dass es sich hier um ein neueres Geschäftsmodell handelt, denn jedes neue ist immer etwas effektiver als das alte.

Bei dem Geschäftsmodell Bankraub ist auch immer ein persönliches Risiko für den Bankräuber impliziert. Er setzt sich einer Gefahr aus. Mancher ist zu Schaden gekommen, weil eine unerschrockene, ältere Dame mit Regenschirm und ungeahnter Wucht auf den armen Räuber eingeprügelt hat; man hat ihm ein Bein gestellt, eine Werkzeugtasche an den Kopf geschmissen, gemeinschaftlich überwältigt, gefesselt und erbarmungslos der Polizei übergeben. Brrr… Solchen Risiken wird hier bei dem Geschäftsmodell von Kilian Lenard der Arbeitnehmer nicht unterzogen. Einfach einen Brief abschicken, da kann einem im Vergleich zum Bankräuber eher wenig passieren.

Also, das Geschäftsmodell „Bankraub“ triff nicht vollständig zu. Vielleicht ist es dann das Geschäftsmodell: „Hasse mal ne Mark?“ Dieses Modell ist ja früher von irgendwie gescheiterten Existenzen ausgeübt worden, die auf die Gutmütigkeit der Passanten hofften, um ihr Dasein zu fristen. Kann denn ein Anwalt eine gescheiterte Existenz sein? Wie man es nimmt: Ein Jurastudent ohne sehr gute Noten in den Staatsexamen hat es auch als Anwalt nicht leicht, eine gute Stelle zu kriegen. Abgesehen davon, dass man auch moralisch bankrottgehen kann. Aber der ganze Auftritt des Gesuchs von Kilian Lenard vom Papier über die Argumentation bis zur Sprache lässt mich vermuten, dass hier doch das Geschäftsmodell: „Hasse mal ne Mark?“ zum Tragen kommt.

Wenn Sie auch so einen Brief bekommen haben, schauen Sie in Ihrem Geldbeutel nach, ob Sie noch eine Mark haben. Wenn nicht, ist es auch nicht so schlimm. Wenn Sie aber so veranlagt sind wie mein Ehemann Randolf, der etwas für sein Geld haben will, zum Beispiel für 170 Euro will er, wenn er sie spendet, für 170 Euro Wohltätigkeit sehen und nicht nur einen billigen und zum Teil rechtswidrigen Brief, dann schreiben Sie einfach zurück, dass Sie mit Ihrem Geld was Besseres vorhaben. Um den allseits beliebten Johann Wolfgang von Goethe zu zitieren:

„Hinüber zu schießen, das wären Possen
würde nur nicht wieder herüber geschossen…“

 

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Geschäftsmodell nach Kilian Lenard Abmahnanwalt Google Fonts - Glosse von Ruth Hanke
Geschäftsmodell nach Kilian Lenard

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