Warten können

Wir lagen im Bett in unserer Wohnung in der Kaiserstraße und hörten es wieder jodeln.

Richtig! Ausgerechnet jetzt, zu nachtschlafender Zeit um 6.00 Uhr morgens versuchte ein ziemlich stabil gebauter Kerl mitsamt seinem vollen Bierkasten genau vor unserem Schlafzimmerfenster sein PS-schwaches Mofa anzuwerfen. Die malträtierte Maschine weigerte sich aus Leibeskräften gegen die Überforderung: Sie stöhnte und ächzte, sie heulte und jodelte, sie gab dazwischen komplett den Geist auf, was in uns die trügerische Hoffnung aufkeimen ließ, es hätte mit dieser Prozedur nun endlich ein Ende, aber nein, es ging alles wieder von vorne los. Wir klammerten uns verzweifelt an den Schlaf, hielten uns die Ohren zu, hofften, die Zeit würde für uns arbeiten; sie arbeitete aber für den anderen.

Und in dem Moment, in dem wir es überhaupt nicht mehr aushielten und der Randolf ans Fenster stürzte, es aufriss, um diesem Flegel ein paar Ausdrücke an den Kopf zu brüllen, in dem Moment ging jedes Mal wie von Zauberhand das Mofa an und entfernte sich mitsamt seinem Besitzer, zwar nicht schnell, aber endgültig aus unserer Hörweite.

Mit unaussprechlichen Verwünschungen kam der Randolf wieder ins Bett zurück. Jetzt waren wir wach.

Das spielte sich viele, viele Male so ab. Egal, wie lange wir warteten, bis uns der Geduldsfaden riss, immer sägte der Kerl mit dem Mofa so lange an unseren Nerven, bis es mit der Contenance vorbei war und immer fuhr er genau in dem Moment davon, in dem wir unserem Ärger endlich Luft machen wollten. Ich fragte mich oft, ob das jetzt ewig so weitergehen würde.

Natürlich nicht! Nach wenigen Monaten hatte sich mein Organismus auf die Situation eingestellt: Ich wachte ab da mit schöner Regelmäßigkeit um 5 Minuten vor 6 Uhr auf, um mit demselben Gleichmut dem Motoren-Gejodel zuzuhören wie ein Arbeiter die Fabriksirene hört. Aber das Unterbewusste vom Randolf erhöhte ab 6 Uhr einfach die Dezibel der Schnarch-Geräusche und übertönte damit den Störenfried.

Ein altes Sprichwort bringt es auf den Punkt:

„Alles kommt zu dem, der warten kann.“

Warten können war früher eine hochgelobte Tugend, die in Vergessenheit geraten ist: Wir wollen immer alles schnell, im Grunde sofort, haben. Natürlich hat die Bequemlichkeit der modernen Welt ihre Vorteile: Man kann einen Kranken schneller ins Krankenhaus bringen als früher, das kann Leben retten und mancher mag sich sein Leben ohne die schnelleren Kommunikationsmethoden wie Smartphone gar nicht mehr vorstellen.

Andererseits bringen wir uns durch immer schnellere Erfüllung um die spannende Wartezeit, nicht umsonst heißt es ja:

„Vorfreude ist die schönste Freude!“

Kann sein, dass ein Brief, auf den man lange gewartet hat, vom Inhalt her reicher und für einen selbst kostbarer ist als allzu viele Kurznachrichten.

Auch in der Liebe will gut Ding Weile haben, damit sich gegenseitiges Vertrauen und die Tiefe des Gefühls entwickeln können.

Auf was warten wir nicht alles: Auf den Bus, auf Zeugnisnoten, Wetterbesserung, Gehaltserhöhung, ärztliche Diagnosen, schließlich warten wir auch auf Weihnachten.

Aber im Gegensatz zu dem Vorhergehenden wissen wir, dass wir auf Weihnachten nicht umsonst warten, und das macht die Vorweihnachtszeit zu etwas Aufregendem und zugleich Gemütlichem, so unsagbar Schönem und Verheißungsvollem, für das wir uns so viel Zeit, wie es irgend geht, nehmen sollten, denn: Es ist ein Warten, das auf jeden Fall gut ausgeht.

Lange vor unserer Zeit hat der Prophet Jesaja das Kommen des Heilands mit Worten angekündigt, die auch lange nach uns noch Gültigkeit haben werden:

„Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben … und er heißt: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst und … seine Herrschaft wird groß und des Friedens kein Ende sein.“
(Jesaja,9)

 

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Warten können - Glosse von Ruth Hanke
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