Radfahrer-Eis

Zu den schönsten Erlebnissen meiner Kindheit zählten die Radausflüge mit meinem Opa in den großen Ferien, als mein Bruder und ich sechs und sieben Jahre alt waren.Wir fuhren von der Schillerstraße in Fürth durch den Wald nach Weiherhof und sangen: “Aus grauer Städte Mauern ziehn wir in Wald und Feld …“ Im Wald sammelten wir einen kleinen Eimer Blaubeeren für die Oma, die später daraus einen köstlichen Kuchen zauberte, in der Wirtschaft trank der Opa ein Bier und wir Kinder aßen Schinkenbrote und fütterten mit der Brotrinde die Enten auf dem Teich. Manchmal bekamen wir schon auf dem Hinweg ein Eis, manchmal auf dem Rückweg, das waren sehr schöne Tage, ja, manchmal bekamen wir sogar auf dem Hin- und Rückweg ein Eis, das waren dann die besonders schönen Tage.

Seit der Zeit sind für mich Radfahren und Eis, meine absolute Lieblings-Süßigkeit, irgendwie eins. Niemals schmeckt die lindernde Kühle des Eises so unbeschreiblich süß und himmlisch, wie wenn man mit erhitztem Gesicht an einer Eisdiele hält und noch, bevor man das Rad abgestellt hat: „ 2x Schoko, Erdbeer und Banane!“ hineinruft.

Früher hatte man geglaubt, mit Stützrädern das Kind vor Stürzen zu bewahren, aber mein Sohn Daniel war schon mit 12 Jahren anderer Ansicht.
Eines Tages sah ich ihn vom Balkon aus unten mit dem Werkzeugkoffer vorbeigehen.

„Was machst Du da, Dany?“ fragte ich beunruhigt. „Ich schraube die Stützräder von der Susi ab“, beschied er mir. „Aber warum?“ „Die taugen nichts!“, antwortete er.
Möglich, sogar wahrscheinlich, dass seine Schwester ohne Stützräder schneller lernte, das Gleichgewicht zu halten; nur für mein Gleichgewicht, besonders das seelische Gleichgewicht war es nicht heilsam, aus dem Balkonfenster zu sehen und die halsbrecherischen Fahrradkünste meiner Kleinen zu beobachten.

Ich schloss das Fenster und rief meinem Mann in der Arbeit an, um ihn zu fragen, ob wir eine Haftpflichtversicherung hätten und ob es eine gute wäre.

Die „positive Konditionierung“ mit dem Eis wollte ich bei unserer Jüngsten, Franziska, gerne anwenden. Bei jedem Fortschritt auf dem Fahrrad wollte ich ihr in Erinnerung an meine Kindheit ein kleines Eis geben und hatte daher das Gefühl, etwas verpasst zu haben, als ich eines Tages die Tür öffnete, um Altpapier in die Tonne zu schlichten und draußen auf der Straße unser Kind auf einem Rad vorbeifuhr. In dem Moment fuhr der Randolf mit dem Wagen um die Ecke und er blendete anerkennend die Scheinwerfer auf, als er sie sah. Ihre langen, braunen Haare wehten im Wind und ihr kleines Gesicht strahlte vor Freude.
Der Daniel hatte ihr Radfahren innerhalb von drei Tagen beigebracht und sah auch keine Notwendigkeit, seinen Unterricht zu vertiefen.

„Also, Mama, ich sag zu ihr: Fahr vor zum Marcel, wende und komm zurück!
Und sie: Fährt vor zum Marcel, klingelt und geht rein. Wenn sie also schon kapiert hat, wofür ein Rad da ist, braucht sie mich nicht mehr dazu.“
Tage später suchte sie ihren Geldbeutel mit dem Taschengeld. „Wir fahren zur Eisdiele“,
klärte sie mich auf. „Wer ist wir?“ „Wir alle!“ Aha. „Sollen wir dir was mitbringen?“

„Zitrone, Nuss und Cassis“, stotterte ich etwas überrumpelt. Ich konnte gerade noch sehen, wie sie mit ihren Freunden um die Ecke flitzte.

Irgendwie war es logisch. Radfahren und Eis gehören zusammen.

 

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Radfahrer-Eis - Glosse von Ruth Hanke
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