Donnerwetter!

Ich habe Angst vor Gewittern, das war schon immer so. Wenn es blitzt und donnert, verkrieche ich mich im Bett, weil mir meine Omi einmal gesagt hat, im Bett könne einem nichts passieren und halte bei jedem Aufleuchten den Atem an. Zähneklappernd zähle ich die Sekunden vom Blitz zum Donner, um auszurechnen, wie weit das Gewitter noch weg ist, während der furchtlose Randolf am Fenster steht und irgendetwas Physikalisches über elektrische Entladungen von sich gibt oder bei strömendem Regen noch schnell die Terrassenpolster hereinholt und mit den Nachbarn über Niederschlagsmengen fachsimpelt.
Da er im eigentlich nicht weiß, was Angst ist – okay, früher, als er noch daheim gewohnt hat, hatte er Angst, seine Brüder würden ihm seine Bratklöße wegessen – kann er meine Angst auch nur bedingt ernst nehmen. Im Grunde hält er sie für den Auswuchs einer dramatischen Veranlagung, genauso wie er die Angst vor Spritzen und vor Spinnen so zusammenfasst: „Manche Leute bilden sich halt ganz gerne was ein!“

Besonders die modernen Wetterauguren hat er auf dem Kieker, die mit ihrer Schwarzmalerei seiner Ansicht nach, Probleme erst herbeireden. „Wenn sie schon dazu sagen, dass bei dieser drückenden Schwüle Leute mit Herzproblemen Schwierigkeiten kriegen, dann kriegen sie natürlich auch welche – man sollte so einen Schmarrn verbieten!“

Aber dass und wie atmosphärische Strömungen auf die Menschen wirken, ist ein noch weitgehend unerforschtes Phänomen und hat nicht immer mit Einbildung zu tun.

Seitdem ich nach einer Oberarmfraktur eine Metallschiene im Arm habe, spüre ich den Wetterumschwung so zuverlässig wie ein alter Pirat es in seinem Holzbein merkt, wenn ein Gewitter kommt. Es gibt Menschen, die durch Schwüle Kopfschmerzen, sogar Migräne bekommen, andere haben bei einer Temperatur von über 25 °C bereits mit Kreislaufproblemen zu kämpfen. Umso erstaunlicher ist das seltsame Verhalten der Wetterfrösche in Funk und Fernsehen, die jedes Wetter, das ein bisschen auffrischende Feuchtigkeit verspricht und weniger als 30 °C im Schatten aufzuweisen hat von ihnen wie eine nationale Katastrophe, ja sogar wie ein persönliches Versagen behandelt wird, für das sie sich entschuldigen müssen.

Es ist sehr unterhaltsam, ihnen dabei zuzusehen. „Im ganzen Bundesgebiet kann es in den nächsten Tagen leider zu vermehrten Regenfällen kommen“, kündigt ein Meteorologe an, mit kummervollen Querfalten auf der Stirn und einer Körperhaltung, als ginge er zu seiner eigenen Beerdigung. Obwohl ich persönlich nur Gartenbesitzer, die Regen lieben, Wandervögel, die lieber Nässe als Hitze aushalten und Jugendliche kenne, denen das Wetter ohnehin nicht so wichtig ist, wie z.B. Franziska, die nach dem Motto: „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung!“ bei jedem Wetter ein ärmelloses Kleid und ein Paar fadenscheinige Stoffschuhe trägt. Aber die Berufsgruppe der Meteorologen hat es insgesamt nicht einfach. Ich jedenfalls würde ungern jeden Morgen vom Wetter in meinen Prophezeiungen widerlegt werden und mich dem Spott der Menschheit aussetzen. Nur bei den Niederschlagsmengen, die es geregnet HAT, können sie zuverlässig punkten. Es fehlt ihnen offensichtlich die suggestive Kraft vom Randolf, einem Meister der iterativen Wettervorhersage. Er beweist, dass es sowas wie ein objektives Wetter nicht gibt, sondern nur das, als was man es definiert:
Wir sitzen auf der Terrasse unter der Markise, während die Sonne hinter dunklen Wolken verschwindet und ein ungemütlicher Wind aufkommt.

„Sieht aus, als wollte es regnen“, meine ich.
„Nie und nimmer!“, widerspricht er. „Das ist ein laues Sommerlüftchen, genieße es einfach.“

Wenig später fallen die ersten Tropfen. „Das ist doch kein Regen, trocknet gleich wieder, lohnt sich gar nicht reinzugehen.“ Nach einer Minute gießt es wie aus Kübeln. Links und rechts vom Markisendach rauscht sturzbachartig der Regen herunter. „Hält nicht lange“, meint er ungerührt. Aber nach über einer Stunde sitzt er immer noch da, das Zigarillo in der Hand und sieht in den trommelnden Regen hinaus. „Na?“, frage ich: „Was ist jetzt?“

„Keine Panik“, lächelt er. „Das hört auch wieder auf!“ Genau! Irgendwann sicher.

Wo er Recht hat, hat er Recht. –

 

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Donnerwetter - Glosse von Ruth Hanke
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