Der wilde Westen

Ein nicht geschönter, absolut authentischer Augenzeugenbericht

Ich ging durch die Stadt Worcester in Massachusetts, USA, an einem hellen, sonnigen Tag im Oktober. Bisher waren alle Menschen während dieses Amerika-Aufenthalts zu mir geradezu verdächtig nett und freundlich gewesen. Das war vielleicht auch auf meinen Mann Randolf zurückzuführen, der auf Konferenzen Vorträge zu halten hatte und die Teilnehmer dort hielten große Stücke auf ihn. Aber auch auf Flughäfen und in Parks, Supermärkten, Parkplätzen, in Hotels, Bars und Restaurants hatte man mir mit einer an Begeisterung grenzenden Bereitwilligkeit versucht, das Leben zu erleichtern und mir jeden Wunsch zu erfüllen.

Als politisch interessierter Mensch war mir aber nicht entgangen, dass Amerika ein gefährliches Pflaster ist. Die Waffengesetze dort sind den deutschen Medien manche Sondersendung wert gewesen; der etwaige drohende Krieg mit Nordkorea hatte mich heftig zögern lassen, überhaupt einzureisen in dieses von Skandalen und Rassenunruhen gebeutelte Land, von dem allgegenwärtigen Trump mit seinen nicht abreißenwollenden Verbalinjurien ganz zu schweigen.

Heute, heute war es so weit: Ich würde im heroischen Selbstversuch der Sache auf den Grund gehen. Eine Frau allein, ohne Hund, Pfefferspray und männlichen Schutz, sommerlich gekleidet und mit goldener Handtasche: Wenn das Mal gut geht!

Als ich aus dem Hotel kam und um die Ecke ging, stand ich vor einer breiten Straße und überlegte gerade, wann ich hinübergehen wollte, da stiegen in respektvollem Abstand von mindestens 50 Metern die Autos auf beiden Seiten auf die Bremse, um mich hinübergehen zu lassen. Ich guckte mich verwundert um, wer dieses Wunder vollbracht hatte, aber, nein, sie meinten tatsächlich mich und als ich mich anschickte, hinüber zu hasten, rief mir einer aus dem Autofenster: „Take your time!“ zu. Aha, der amerikanische Autofahrer hatte also Zeit und betrachtete nicht jeden, der seine Fahrt frei – oder unfreiwillig unterbrach als Grund empörten Aufstöhnens und unbeherrschten Schimpfens. Gutgelaunt und winkend fuhren sie weiter und antworteten auf meinen Dank: „You´re welcome!“ Das war ja gut! Hatte ich besonderes Glück gehabt oder waren das vielleicht Pfadfinder, die jeden Tag eine gute Tat vollbringen müssen? Aber auch bei der zweiten, dritten und vierten Straße verhielten sich die Autofahrer nicht anders.

Ich entdeckte einen traumhaft schönen See, der ruhig in der Sonne glänzte. Man hatte Felsplatten aus dem schwarzem Stein des Ufers gehauen, um einen schönen Aussichtsplatz zu haben und ich überlegte gerade, ob ich es wagen sollte, hinunterzusteigen oder ob ich ausrutschen würde, da sah ich einen drahtigen Alten mit weißen Haaren, Baseballkappe und Hund, der mich betrachtete. „This is a nice place!“, meinte er und redete mir zu, es doch mit diesem Platz zu versuchen. Als Hilfe bot er mir seine Hand an, zog als Reputation den Ärmel des T-Shirts hoch, damit ich seine Muskeln sah, stemmte die Fersen in den Grund, ergriff meine Hand und eine Sekunde später saß ich sicher und bequem auf der sonnendurchwärmten Felsplatte. Würde er wenigstens jetzt mit meiner Handtasche, die ich im Gras abgestellt hatte, das Weite suchen? Richtig, da ergriff er sie schon, aber nur, um sie mir herüberzureichen. Er stellte mir seinen Hund vor, einen Husky, empfahl mir dringend den Tag zu genießen, wünschte mir von Herzen „a nice day“, pfiff seinem Gefährten und verschwand hinter den Bäumen.

Bei der nächsten Felsplatte war ich allein und stürzte wie befürchtet. Das Gesicht im Schilfgras, den Po über dem See hängend, arbeitete ich mich Millimeter um Millimeter das rettende Ufer hinauf und war mehr als erleichtert, als ich es geschafft hatte. Ich saß auf einem Holzzaun, etwa 50 Meter von einer Straße entfernt und überlegte, was ich als nächstes tun wollte, da fuhr ein dunkler Chevrolet vorbei und ich sah ihm sinnend nach. Mehr als erschrocken merkte ich, dass der Typ darin wendete und zurückkam. Er stellte den Wagen ab, stieg aus und kam auf mich zu. Ich sah, dass er schwarzes Haar hatte und eine Sonnenbrille trug.

„Hi!“, meinte er. „I am Brian“

„Hi!“, erwiderte ich. „I am Ruth“

Jetzt würde er mir sagen, dass es verboten war auf Holzzäunen zu sitzen, mich vagabundierenden Verhaltens oder unamerikanischer Umtriebe bezichtigen, da war ich ganz sicher. Letzteres wäre auch zumindest verständlich: Eine amerikanische Frau sitzt nicht einfach mitten in der Stadt auf einem Zaun und denkt.

„Are you right?“ fragte er.

“Yesss!” antwortete ich, mit so viel Nachdruck, wie möglich.

Er wollte wissen, was passiert wäre, zog vorsichtig zwei Schilfgräser aus meinen Haaren und streifte die lädierte Hose mit einem besorgten Blick.
Ich versicherte, dass ich totally allright wäre, aber er schien es nicht zu glauben und bot mir an, mich nach Hause zu fahren. Ich entgegnete, dass ich es bis zum Hotel nur um drei Ecken hätte, man könnte es von hier aus sehen. Er wiederholte sein Angebot.

Als mich in der Hotelhalle gleich fünf Leute grüßten und ich den einen, den ich danach gefragt hatte, fast körperlich abhalten musste, mich persönlich zum Eiswürfelautomaten zu begleiten, wunderte mich das schon nicht mehr.

Also entweder es gibt in Amerika doch ein paar mehr gute, vernünftige und hilfsbereite Menschen als es uns von den deutschen Medien suggeriert wird oder die Bewohner der Stadt Worcester in der Nähe von Boston haben in einem beispiellosen Verschwörungsaufwand diese Herzlichkeit geheuchelt, nur wegen mir.

Aber letzteres kann ich jetzt doch nicht glauben.

 

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Der wilde Westen - Glosse von Ruth Hanke
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