Der kleine Unterschied

Es klingelte und Franziska öffnete. „Also, deine Mama kann dann morgen zu mir kommen“, hörte ich. „Wieso?“, fragte meine Kleine misstrauisch. „Wer sind Sie? Und was wollen Sie von meiner Mama?“ „Aber, Franziska!“, protestierte die Stimme. „Wir kennen uns doch!“ „Ich kenne Sie nicht!“, erwiderte Franziska und wollte die Tür wieder zumachen. Ich kam dazu und sah eine Gestalt in platinblonden Löckchen, mit einer Art Schaffell und einem goldenem Rock bekleidet. Dazu trug sie Netzstrümpfe und Schnürstiefel. Das Gesicht erinnerte mich ganz vage an jemanden, aber ich wusste nicht, an wen.

„Jetzt sag bloß, du erkennst mich auch nicht mehr!“ „Also, äh“, stotterte ich. „Tut mir Leid.“
„Katrin Schmiedhammel!“ „Du lieber Himmel!“ entfuhr es mir. „Warst du beim Friseur?“ „Sieht man das so stark?“, fragte sie. „Naja“, gab ich zu. „Es macht schon einen gewissen Unterschied.“ Das war ein bisschen untertrieben.

Die dunkelhaarige Katrin in dem unauffälligen Jeans-Look hatte sich übergangslos in Lady Gaga verwandelt und es hätte mich nicht gewundert, wenn sie nach der recht mutigen Typ-Veränderung von ihrer eigenen Mutter nicht gleich erkannt worden wäre.

Aber da Haare die Angewohnheit haben, zwar langsam, dafür umso stetiger zu wachsen, besteht viel öfter das gegenteilige Problem: Man erkennt bei sich selbst nicht, dass inzwischen der Schnitt herausgewachsen ist, die Farbe verblasst und die Spitzen kaputt sind und geht daher zu selten als zu oft zum Friseur.

Die jungen Frauen, die ich kenne, haben ihre Frisur im Griff. Wenn sich der Stil auch unterscheidet, wissen sie doch alle genau, was sie mit ihren Haaren anstellen, bevor sie aus dem Haus gehen. Sehr im Trend liegt, in Variationen, das Hochsteckmodell „Griechische Göttin“.

Auch die älteren Frauen, die es mit ihrer Frisur etwas weniger auf den Knalleffekt der Mädchen abgesehen haben, halten sich minutiös an die anfallenden Haarbehandlungen; frau will ja doch einigermaßen chic aussehen. Aber bei den Männern ist die Sache nicht so einfach. Viele der jüngeren bestehen auf gnadenloser Kürze und ersparen sich damit jeden komplizierteren Pflege- und Styling-Aufwand. Von den anderen kenne ich mindestens einen, der die meiste Zeit einfach vergisst, sowas wie Haare überhaupt zu haben. Auch wenn die drahtigen Borsten in hundert verschiedene Himmelsrichtungen zeigen, löst das in seinem überlegenen Geist noch keine Unruhe aus.

Regelmäßig erhält frau auf die Erwähnung des fälligen Friseurbesuches den Hinweis, dass sie schrecklich übertreibt, es wäre doch noch lange nicht so weit; vier Wochen später hat man für so einen Käse jetzt gerade überhaupt keine Zeit und nochmal sechs Wochen später bekommt sie ein indifferentes: „Ja, demnächst!“ zur Antwort.

Männer gibt’s, die stundenlang die Terrasse mit dem Kärcher bearbeiten, dem Auto liebevollste Pflege angedeihen lassen und wie wild den Rasen vertikutieren. Aber wenn ihr Haar dem Rasen nach dem Winter ähnelt, struppig, spärlich, ungemäht und grau, erkennen sie noch lange keinen Handlungsbedarf. Manche ergeben sich erst, wenn die Ehefrau energisch einen Friseurtermin vereinbart.

Dabei kann schon ein kleiner, aber entscheidender Unterschied bei der Frisur einen großen Gewinn an guter Laune und Außenwirkung erzielen.

Durch den Mut zu einem kleinen Risiko wird man mit vielen bewundernden Blicken belohnt.

Begrüßen wir doch den Frühling, indem wir das Schönste aus den Haaren, das Beste aus uns selbst und den Spiegel zu unserem Freund machen!

Denn, wie es in der Werbung heißt:

„Wir sind es uns wert!“

 

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Der kleine Unterschied - Glosse von Ruth Hanke
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