Das perfekte Osterei

Ich war elf Jahre alt und wir nahmen an einer russisch-orthodoxen Osternacht Teil. Es war ein sehr beeindruckendes Erlebnis: Der Gottesdienst dauerte mehrere Stunden, es wurde viel gesungen und gebetet, die silbernen Weihrauchkessel verbreiteten einen intensiven Duft und schließlich stand der alte Patriarch Crysostomos auf und streute aus einem großen Korb Frühlingsblumen über uns alle. Meine vierjährige Schwester, die kleine Lydia, hatte die ganze Nacht mit stillem Staunen zugeschaut, ihr Kuscheltier an sich gedrückt und kein Wort gesagt. Am Schluss wurden wir alle zu einem Osterfrühstück eingeladen und als wir die Kirche verließen, stand da wieder der alte Pater mit einem riesigen Korb buntgefärbter Ostereier, von denen er immer je eines den Gläubigen überreichte, mit dem uralten Gruß: „Der Herr ist auferstanden!“, worauf sie: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ antworteten. Als er der kleinen Lydia das Ei überreichte, umklammerte sie es fest und sagte: „Danke!“ „Sag: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden!“, flüsterte meine Mutter, aber die Kleine wiederholte mit tiefer Überzeugung: „Danke!“

Pater Crysostomos war das ideale Ostergeschenk gelungen: Überraschend, eindrucksvoll, traditionell und nahrhaft. Wer kriegt das sonst schon so gut hin? Gerade an Ostern haben selbstgemachte Geschenke Hochkonjunktur. Und was wäre auch dagegen zu sagen? Kann man seine Verbundenheit schöner ausdrücken, als sie durch Kreativität und die Arbeit seiner Hände zu zeigen? Aber leider gehören auch dazu gewisse Vorrausetzungen: Ein billiges Plastikosterei in schauriger Neonfarbe, beklebt mit fünf aufs Geradewohl hingepappten Aufklebern wird wahrscheinlich doch kein inniges Entzücken auslösen, auch wenn es noch so selbst beklebt ist. Genauso wenig werden die seltsamen, im Sonderangebot erworbenen Deko-Artikel automatisch dadurch glaubwürdiger, wenn man ihnen jetzt ein Paar neckische Papierhasenohren dranheftet. Tatsächlich gibt es Menschen, deren eingelegte Rote Bete und saure Gurken eine kulinarische Sensation darstellen, zum Beispiel Anna, die Mutter meiner Schwiegertochter. Solche Erzeugnisse erkennt man zuerst einmal daran, dass sie schwer zu bekommen sind, weil sich nämlich auch alle anderen darum reißen und dass viel Arbeit und Erfahrung darin steckt. Wenn aber jemand einfach mal ausprobieren will, wie man Holunder- Kumquat- Mango-Marmelade mit Zimt macht, von dem Ergebnis wenig begeistert ist und die verbleibenden Gläser an Verwandte und Freunde verschenkt, hat er zwar seinen Schrank von Überflüssigem befreit, was unbestritten eine erleichternde Wirkung hat, aber EIGENTLICH ist AUSMISTEN nicht automatisch auch SCHENKEN. Sondern man hat nur die Aufgabe etwas wegzuwerfen an andere abgeschoben und noch: „Geschenk“ draufgeschrieben. Dasselbe gilt für präparierte Süßigkeiten: Wenn jemand eine Merci-Schokolade kauft und auf jeden Riegel: „Geduld“, „Liebe“, „Zeit“ und ähnliches schreibt, muss man die Kirche im Dorf lassen, denn was man hier verschenkt, ist „Nougat“, „Vollmilch“ und „Zartbitter“ und gerade nicht Geduld, Liebe und Zeit – es sei denn, es ist ein Kind, das gerade erst Schreiben gelernt hat und für das Beschriften den halben Nachmittag gebraucht hat.

Im positiven Sinn geschockt war ich, als mir meine Freundin Regine ein ausgeblasenes, selbstbemaltes Zwerghuhn-Ei in einer ganz kleinen Tupper-Schachtel überreichte. Ich wickelte es aus dem Seidenpapier und bestaunte ein Kunstwerk von gemalten, kleinen Blüten, so zart, als wären sie mit einer Kolibri-Feder darauf gezaubert worden. Um die Osterzeit schmücken diese Eier bei uns das Tischgesteck mit Frühlingsblumen und Zweigen. Bisher hat mich noch jeder darauf angesprochen.

„Gib mir mehr davon!“, bat ich Regine. „Ich zahl Dir, was Du willst!“ Sie drehte ihre Hände nach oben. „Ich kann nicht“, bedauerte sie. „Ich sitze an so einem Ei den ganzen Nachmittag. Nein, sowas kann ich wirklich nur verschenken!“

Was also ist zu tun? Man beachte die Vorlieben des Empfängers, verschenke keine Sachen, die man selbst nicht haben will und halte sich im Zweifelsfall an Pater Crysostomos: Ein buntes Osterei! Bei diesem uralten Symbol sagen die einen: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ und die anderen immerhin: „Danke!“

Frohe Ostern!

 

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Das perfekte Osterei - Glosse von Ruth Hanke
Zwerghuhnei Osterei - Glosse von Ruth Hanke
Zwerghuhn Osterei - Glosse von Ruth Hanke

 

Das perfekte Osterei

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