Das geht zu weit!

Als ich mit siebzehn Jahren die Grafiker Ausbildung in Fürth anfing, lernte ich viele unterschiedliche Menschen kennen, auch solche, die mir von Benehmen und Ausdrucksweise bisher fremd gewesen waren.

Um diese neue Welt kennenzulernen, bemühte ich mich erst einmal um vorurteilsfreie Offenheit und darum zu jedem freundlich zu sein. Da ich schon zu Anfang einer Bekanntschaft gleich erwähnte, dass ich verlobt war, vermutete ich auch nichts Schlechtes, als mich ein paar Drucker und Farbmischer in der Mittagspause zu einem Cola einluden. Das Gespräch gestaltete sich soweit ganz witzig, sie wandten mir ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu und auch, wenn ich aus beruflichen Gründen in die Farbmischerei hinunter musste, ergab sich immer ein lustiger Wortwechsel.

Dass einer von ihnen, als er mich allein auf dem Gang traf, für meinen Geschmack etwas zu dicht an mich herantrat, hielt ich für ein Versehen, aber er grinste unbekümmert, sah mir tief und irgendwie flackernd in die Augen und sagte, er würde mich gerne in die Peep-Show einladen. Ich wusste nicht, was eine Peep-Show ist; trotzdem war mir bei dem Gedanken mit diesem Manfred (Name geändert) auszugehen nicht ganz wohl, ich antwortete – wie ich dachte: diplomatisch – ich müsste es mir noch überlegen und lief in die Grafik zurück.

Mir kam diese Begegnung, je länger ich darüber nachdachte, irgendwie komisch vor, und als ich am Abend den Randolf traf, erzählte ich ihm von der Einladung in die Peep-Show.

„Was?!“, fragte er konsterniert und ich musste das Wort zwei oder drei Mal wiederholen. Dann allerdings verstummte er vollends und ließ sich auch zu keiner näheren Erklärung bewegen, was es denn mit der Peep-Show auf sich hatte, was mich ziemlich ärgerte, weil ich mir inzwischen als einzige strohdoof vorkam.

Am nächsten Tag holte mich der Randolf von der Arbeit ab. Er wartete unten am Fabriktor auf mich, er hatte hohe Stiefel an, ähnlich den Camelboots, die damals modern waren, eine wattierte Wildnis-Jacke und sah ziemlich ungemütlich aus. Ich rannte auf ihn zu, aber er sah mich gar nicht an, sondern ging auf Manfred F. zu, fragte ihn nach seinem Namen und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Danach setzte der Tumult ein, ich hörte Schreie, Fluchen und Manfred F., wie er den Randolf beschimpfte, das aber erst, nachdem er sicher in seinem Wagen saß: Vom Autofenster aus.

Am nächsten Morgen stellte ich erstaunt fest, dass ich die Hälfte des großen Lastenaufzugs, der dreißig Personen fasste, für mich allein hatte, während sich die anderen, besonders die Männer, die sich sonst immer übergriffig an mich zu drängen versuchten, sich dicht gestopft, wie in der japanischen U-Bahn, die andere Hälfte teilten. Die männliche Klatschtante der Firma besuchte mich am Vormittag an meinem Platz und wollte mir eine Stellungnahme entlocken. „Ganz schee hat er ihm anne naufknallt, des macht mer aber aa ned, andere ihre Verlobbdn in die Bieb-Show eilodn, odda?“

Ich antwortete nicht und brauchte auch nicht zu antworten, denn da kam zum Glück der Abteilungsleiter herein, der mich wegen meinem Auftrag sprechen wollte und fragte die Tratschkartel, was es denn gäbe. Daraufhin hatte ich in der Arbeit meine Ruhe.

Nur einmal, ein halbes Jahr später, gab mir ein Mitarbeiter einen Katalog mit Reizwäsche und meinte, darin würde ich zum Anbeißen aussehen.

Ich erwiderte ihm, er sollte doch seiner Frau etwas Hübsches daraus bestellen und schönen Tag noch.

Dem Randolf sagte ich vorsichtshalber nichts davon.

 

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Das geht zu weit - Glosse von Ruth Hanke
Glossen von Ruth HankeDas geht zu weit

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