Auch bloß eine neue Art von Wurst

„Das ist unglaublich“, entrüste ich mich, als wieder einmal im Fernsehen eine junge, sich verheißungsvoll räkelnde Frau gezeigt wird, um Kunden für ein Dating-Portal anzulocken. „Die sucht ja gar keinen Partner, das ist ein Model! Und weißt du, dass bei manchen dieser Portalen sogenannte Moderatoren arbeiten, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen die Leute bei der Stange halten, um sie besser abzuzocken?“

„Das war doch schon immer so“, entgegnet der Randolf ungerührt. „Schon immer ist dem Menschen eine Wurst vor die Nase gehalten worden, damit er danach schnappt. Die da…“, er streift die Schönheit auf dem Bildschirm mit einem gelangweilten Blick. „…ist doch auch nur eine neue Art von Wurst!“

„Aber die Leute, die darauf hereinfallen“, protestiere ich.

„Wer soll denn DArauf hereinfallen? Wenn ich schon dieses hinterhältige Grinsen sehe, so falsch wie ein Dreidollarschein! Sieht doch ein Blinder mitten in der Nacht, was da los ist.“
„Weiß ich nicht“, widerspreche ich. „Es sind schon viele Beschwerden beim Verbraucherschutz eingegangen.“ „Ja, weil beim Verbraucherschutz immer viele Beschwerden eingehen. Die Übergewichtigen verklagen die Schokoladenhersteller, die Lungenkranken lassen juristisch beweisen, dass daran die Zigaretten und auf keinen Fall sie selber Schuld sind. Der Mensch lässt sich nun mal gerne übers Ohr hauen und gibt anderen die Schuld dafür – so ist das nun einmal, mein Mäuselchen.“

Vielleicht, denke ich, geht er in dem Punkt etwas zu sehr von sich aus, da ihn weder Flirt-Portale noch Kaffeefahrten, weder Super-Sonder-Angebote mit Last-Minute-Buchungen noch sonstige Schnäppchen in Versuchung führen, mit Ausnahme des ultragroßen Kartons Priesel-Waschmittel: Da weiß man, was man hat!

Was ist aber mit den weniger Hartgesottenen, brauchen die keinen Schutz vor betrügerischen Machenschaften? Doch, natürlich! Gegen offensichtlichen und unterschwelligen Betrug muss vorgegangen werden. Aber vor allem brauchen wir mehr Aufklärung, wie und womit wir an allen Ecken und Enden manipuliert werden sollen.

„Am besten wäre es, die Bundesregierung würde nach dem Werbefilm für das Dating-Portal einen kleinen Aufklärungsfilm bringen, wie man hier betrogen wird!“, schlage ich vor.

„Oder man ist manns genug, einfach eine Frau aus Fleisch und Blut anzusprechen, dann wäre man auch schon einen Schritt weiter“, meint er. „Klar, wir brauchen einen Verbraucherschutz, aber zuerst einmal braucht der Verbraucher einen Schutz vor sich selber!“

An der Art, wie er den Rauch seines Zigarillos ausbläst und dem unverwandten Blick auf den Bildschirm merke ich, dass das letzte Wort zu dieser Angelegenheit gesprochen ist:
Genauso wenig wie den Selbstboykott ewiger Klagen und Anklagen kann er es nämlich leiden, wenn über klare Selbstverständlichkeiten stundenlang palavert wird und außerdem:

Der Fernsehkrimi hat angefangen.

 

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Auch bloß eine neue Art von Wurst - Glosse von Ruth Hanke
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