Das Leben

Ein Mensch, sensibel von Gemüt
missfällt, was ihm im Leben blüht.
Früh sieht er schon beim Zähneputzen,
dass seine Zähne sich abnutzen.
Zu lesen bringt in diesen Zeiten
die Zeitung lauter Schrecklichkeiten.
„Der Kaffee“, murrt er „ist schon alt!“
„Er schmeckt mir nicht, ist bitter, kalt!“
„Ja, geh mir nicht gleich an den Kragen!
Kannst du nicht: Guten Morgen sagen?“,
beschwert sich darauf seine Frau.
„Ach!“, stöhnt er da. „Ich weiß genau:
Was ich sage, ist verkehrt,
meine Meinung ist nichts wert!“
Die Arbeit hält ihn schwer auf Trab,
der Mensch rackert sich redlich ab,
bemüht er sich auch noch so sehr,
er rennt der Uhr nur hinterher.
Warum, fragt er sich, mach ich das?
DIESES Leben ist kein Spaß!
Ihm ist, als ob es kein Glück gibt,
als ob das Leben ihn nicht liebt.
Doch plötzlich überkommt ihn Wut
Er fasst energisch wieder Mut:
„Wer zwingt mich dazu ja zu sagen?
Ich lass mich nicht ins Bockshorn jagen!“
Er geht jetzt einen Umweg laufen,
fürs Abendessen einzukaufen.
Etwas Besondres soll es sein,
er kauft auch Blumen ein und Wein.
Die Seine öffnet ihm die Tür:
„Du konntest ja gar nichts dafür“,
gesteht er schnell, gibt ihr den Strauß.
Sie lacht, sieht gleich viel jünger aus.
Der Mensch fühlt, sie hat ihm vergeben.
Und liebt es plötzlich sehr: Das Leben!

 

Das Leben - Gedicht von Ruth Hanke
Gedichte von Ruth HankeDas Leben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.