Nachts in der Straßenbahn

Im November 1976, ich war sechzehn Jahre alt, holte mich der Typ, der mich einige Tage zuvor in einer Disco zum Tanzen aufgefordert hatte, von der Schule ab. Er spannte meine Schultasche auf das Fahrrad und sagte, ich sollte auf den Sattel steigen, er würde mich schieben. Da ich fürchtete, mich lächerlich zu machen, lehnte ich ab und ging neben ihm her. Als wir an den Kreisverkehr kamen, schloss sich seine Hand um meine und zog mich vorsichtig und zügig über die Straße.

Ich spürte ein Gefühl der Wärme, vielleicht, weil mich diese Fürsorglichkeit an meinen Opa erinnert hatte.

Wir waren schon verlobt, als wir eines Nachts in Nürnberg in der Oper gewesen waren und mit der Straßenbahn nach Fürth fuhren. Ein Betrunkener suchte Halt zu finden, taumelte, stürzte und fiel auf den nassen Boden. Mein Verlobter sprang auf, kniete sich zu ihm hinunter, redete mit ihm und half ihm unter Schwierigkeiten wieder auf. „He, lass ihn doch liegen, das besoffene Schwein!“, rief einer. Mein langes Kleid und die hohen Schuhe waren etwas hinderlich, als wir mit dem Betrunkenen ausstiegen, den Schwankenden durch die dunklen Straßen begleiteten – zum Glück wusste er, nach einigen Irrtümern, seine Adresse doch noch – und ihm halfen, den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Es war 1:30 Uhr, ein stürmischer Nordostwind warf uns Graupelschauer ins Gesicht. Mein Verlobter umschloss meine Hand und begann vernichtend über Leute zu schimpfen, die einen lebendigen Menschen ein „besoffenes Schwein“ nannten.

Ich versuchte, mit ihm Schritt zu halten und, wenn ich etwas Puste übrig hatte, möglichst enthusiastisch mit zu schimpfen. Nach einer Weile spürte ich die Eiszapfen an den Füßen nicht mehr, die Müdigkeit, die Kälte. Ich wollte nur bei ihm sein, nahe an dieser unbeirrbaren Hilfsbereitschaft und wollte wenigstens den Eindruck erwecken, dass mir Äußerlichkeiten auch nicht so wichtig wären. Einmal blieb er stehen. „Es macht dir doch nichts aus, oder?“ „Aber nein! Nein!“, beteuerte ich. Er streichelte mich stolz, umschloss meine Faust mit seiner und steckte beide in die Manteltasche.

Daheim angekommen, es war 2:47 Uhr, hatte ich das Gefühl, dass mir ein ziemlich aufregendes Leben bevorstand.

Noch immer versuche ich, mit ihm Schritt zu halten, helfe ihm beim Schimpfen und er vergräbt meine Hand in seiner Hand.

 

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