Winterreifen

„Es ist wirklich ultimativ notwendig, dass Sie RECHTZEITIG Winterreifen aufziehen!“, beschwor der Sprecher der Polizei die Fernsehzuschauer. „Spätestens Anfang November, allerspätestens Mitte November sollte jeder Winterreifen haben!“

„Warum nicht gleich im Juni?“, lästerte der Randolf auf dem Sofa, das Zigarillo im Mund.

„Es ist“, fasste er zusammen. „wie üblich nichts als Panikmache und Geldschneiderei, hier in unseren Breitengraden braucht doch kein Mensch Winterreifen, wir sind hier nicht im nördlichsten Kanada, ja?! Ich überlege, in diesem Winter einfach noch die Sommerreifen abzufahren und mir nächstes Jahr neue zu kaufen.“

„Ich weiß nicht, ob das vernünftig ist“, wandte ich ein. „wieso willst du keine Winterreifen aufziehen?“

„Ich habe keine mehr“, murmelte er. „Die alten sind kaputt und ich habe keine Lust, einen Haufen Geld für neue rauszuschmeißen.“

„Aber, aber“, protestierte ich. „Sind Winterreifen nicht vorgeschrieben? Was sagt denn die Versicherung dazu? Und wenn durch die rutschigen Sommerreifen ein Unfall entsteht…“

„Warum sollte denn ein Unfall entstehen?“, gab er zurück und stierte ärgerlich in den Bildschirm. „Man sollte solche Sendungen verbieten, die nur eine Unsicherheit in der Bevölkerung auslösen.“

Ein bisschen zähneknirschend, aber immerhin, kaufte er etwas später einen nagelneuen Satz Winterreifen für den schweren Siebener BMW. Im Gegensatz zu seinen früheren Reden, war er sofort begeistert von ihnen.

„Fährt wieder wie neu, ein absolut heißes Fahrgefühl, mein Mäuslein“, schwärmte er, als wir eines Januarabends nach Neunkirchen unterwegs waren, wo ich an der Bibelwoche teilnehmen wollte; der Randolf wollte mich hinbringen und dann zu seinem Tischtennisspiel fahren. Die Zeit dazu hatte er eher knapp kalkuliert.

„Meinst du, wir sind um 20.00 Uhr auch da?“, fragte ich und sah in die samtschwarze, tiefverschneite Dunkelheit hinaus.

„Aber locker!“, versicherte er. „Da nehme ich eine Abkürzung!“ Und schon bog er in einen holprigen Feldweg ein. „Nein!!“, schrie ich. „Das ist keine Straße, nicht einmal ein Weg, das ist ein Rübenacker!“

„Kein Problem!“, grinste er. „Wozu habe ich Winterreifen ?!“ Und gab Gas. Der Wagen schlingerte und schaukelte wie ein Schiff in Seenot, der leistungsstarke Motor heulte auf, die Reifen fraßen sich in den Grund: Wir saßen fast. Aber unverdrossen drückte er weiter auf das Gaspedal. Wir waren irgendwo in der fränkischen Pampa, um uns herum tiefste Finsternis. „Das muss gehen!“ behauptete er. Es ging aber nicht.

„Du musst aussteigen und mich anschieben!“, ordnete er an. „Ein kleiner Schubs wird genügen!“

Ich stieg aus und schob mit meiner ganzen Kraft. Der Motor jaulte, die durchdrehenden Reifen hatten sich durch die Schneedecke bis in die gefrorene Erdschicht durchgearbeitet und bewarfen mich mit dunkelbraunen Erdbrocken. Die kalte Luft roch stark nach verbranntem Gummi.

„Winterreifen!“, knirschte er. „Ich habe Winterreifen!“ Er versuchte in seinem Starrsinn noch eine weitere Stunde aus dem Erdloch herauszukommen, aber am Schluss rief er für mich ein Taxi und fand einen Bauern, der mit dem Traktor den BMW aus dem Acker zog. Die Winterreifen waren da auch nicht mehr neu.

Fazit: Winterreifen im Winter sind gut, es sei denn, man erwartet von ihnen nicht verstärkte Bodenhaftung, sondern Flugkünste.

Oder man gibt dem Wort „Winterreifen“ eine ganz andere Bedeutung, wie mein Schwiegervater, der, nicht ganz auf der Höhe seines üblichen Charmes, einmal beim Anblick der Kekse essenden Schwiegermutter bemerkte:

„Jetzt wird’s Winter – und die Mutter kriegt ihren Winterreifen.“

 

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Winterreifen - Glosse von Ruth Hanke
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