Von der Freundlichkeit der Menschen

Meine Tante Käthe war mehr als fünfzig Jahre älter als ich. Trotz dieses Altersunterschiedes freundeten wir uns rasch an. Ich besuchte sie einmal im Monat, wo wir uns einen ganzen spannenden Tag über alles unterhielten, was die Außen – und die Innenwelt betraf, über Politik und Religion, über Liebe und Poesie und über alles, was ich geschrieben hatte.

Sie war eine sehr scharfsinnige Frau, hatte schon zu einer Zeit den Doktortitel gemacht, als für Frauen ein Universitätsstudium die große Ausnahme war. Sie hatte zwei Weltkriege miterlebt, Flucht, Angst und Armut. Daher und wegen des Unterschiedes in Erfahrung und Persönlichkeit waren wir oft unterschiedlicher Meinung. Aber manchmal, wenn wir uns heiß diskutiert hatten, holte sie ein Buch hervor. Es hieß: „Von der Freundlichkeit der Menschen“. Eine Journalistin erzählte darin in kleinen Geschichten, was ihr an überraschend Gutem und Rührendem von den Menschen, oft völlig Fremden, in ihrem Leben widerfahren war.

„Dieses kleine Buch ist vielleicht das Wichtigste, das die Journalistin geschrieben hat“, meinte meine Tante. „Die Menschen sind nicht nur schrecklich. Manche sind auch geradezu unfassbar liebevoll und großzügig. Das ist genauso real, ja sogar noch wichtiger als die Gräueltaten, die jeden Tag in der Zeitung stehen.“

Meine Tante war alt, trotzdem ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie noch älter würde. Eines Tages besuchte ich sie im Krankenhaus und konnte kaum glauben, dass der ausgemergelte Körper an den vielen Schläuchen meine Tante Käthe sein sollte. Ihr Tod war ein großer Schock und Schmerz für mich. Manchmal nahm ich das Buch: „Von der Freundlichkeit der Menschen“ heraus und blätterte noch einmal in den Geschichten herum, die wir damals miteinander gelesen hatten. Mir war dann, als ob ihre klugen, grauen Augen mich ansahen und ich ihre Stimme hörte. Wenn eine gescheite und welterfahrene Frau wie sie an die Freundlichkeit der Menschen geglaubt hatte, dann durfte ich auch daran glauben. Und so wurde aus der Trauer mit der Zeit Dankbarkeit, weil ich sie gekannt habe. Und die Zuversicht, die ich von ihr bekommen habe, ist wie ein Geschenk, das immer noch in meinem Alltag, unserem Familienleben und in Freundschaften fortlebt.

 

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Von der Freundlichkeit der Menschen - Glosse von Ruth Hanke
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