Zu Hilfe!!

Die alte Dame, die an der Bushaltestelle stand, wandte sich an einen jungen Mann, der gerade vorbeikam: „Entschuldigen Sie …“, sie holte Luft, um etwas lauter zu sprechen, denn nahe an ihnen flutete donnernd der Feierabend-Verkehr auf vierspuriger Straße vorbei, aber der junge Mann hatte sie schon mit einem väterlichen: „Natürlich, das haben wir gleich!“ untergehakt und zog die alte Dame mit sanfter Gewalt über die Fahrbahn. Mit geübtem Blick erkannte er die Lücken im Verkehrsgewühl, hielt mit unmissverständlichen Gesten die Autofahrer auf Abstand und hatte die alte Lady schon bald mit energischem Druck auf den Gehweg gehoben.

„Also“, stotterte sie, aber er verabschiedete sich mit einem kurzen: „Nichts zu danken!“ und setzte seinen Weg fort. Sie sah blinzelnd zur Bushaltestelle hinüber, an der gerade ihr Bus davonfuhr. Sie hatte den jungen Mann eigentlich nur fragen wollen, ob er ihr einen Schein wechseln könnte, weil sie kein passendes Kleingeld für den Bus hatte.
„Gut meinen, bringt viel weinen!“, sagt ein altes Sprichwort. Wenn man nicht sehr aufpasst, erreicht man mit seinem Helfen wollen gar nicht so selten das Gegenteil.
Andererseits gibt es auch Leute, die mit erschütternder Gleichgültigkeit über einen alten Mann hinwegsteigen, der auf dem Boden vor dem Geldautomaten liegt, die nicht einmal den Notarzt rufen, sondern so tun, als wäre dieser Mensch ein Bündel Altpapier und sie ginge das alles nichts an. Gegen diese Herrschaften, die von der Überwachungskamera aufgenommen wurden, ist ein Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung eingeleitet worden. Überfällig ist der deutliche Hinweis für manche Menschen, die das bisher nicht realisiert haben, dass es in vielen Fällen eben NICHT unsere Privatangelegenheit ist, ob wir helfen oder nicht, es ist nach dem Gesetz unsere Verpflichtung.

Wenn es auch, selbst bei den besten Absichten, nicht immer einfach ist, die richtige Art Hilfe zu geben.

Absolut beneidenswert in dieser Hinsicht sind die unverstellte Mitmenschlichkeit und das schnelle Reaktionsvermögen meines Schwagers Rüdiger, dem jüngsten Bruder meines Mannes wie ich es erlebt habe, als ich mit ihm im Bus von Fürth Unterfarrnbach in die Stadt hinein fuhr. Wir saßen auf einem Zweiersitz, direkt am hinteren Ausgang und vor uns stand ein nachlässig gekleideter, sehr schlanker Mann mit zwei Krückstöcken und mehreren Plastiktüten. Als sich die Tür öffnete, fiel er plötzlich aus dem Bus heraus auf den Asphalt und lag da wie eine zusammengefallene Marionette.

Der Rüdiger sprang über die Haltestange aus dem Bus und hob den Gefallenen wieder auf, er reichte ihm seine Stöcke und Taschen und staubte ihn ein bisschen ab. „Alles okay?“, fragte er.
Der andere stotterte, dass er eben manchmal einfach so umfiel und ich vergesse nie den geraden Blick, mit dem der Rüdiger ihn ansah und erwiderte: „Ja, klar!“, so, als ob auch er selbst jeden Tag vier bis fünf Mal in sich zusammenfallen würde. Der Behinderte lachte plötzlich, als hätte er einen Verwandten erkannt, er schüttelte ihm die Hand und sie schieden, noch bevor der Rüdiger wieder in den Bus gesprungen war, als gute Freunde.

Das erste, was ich damals empfand, war Erleichterung, aber schon gleich danach spürte ich einen brennenden Neid: Sowas wollte ich auch können. Ich kann es immer noch nicht. Ich brauche zu lange, um zu überlegen, was ich tun soll; ich bin nicht so sportlich und so spontan. Aber jemanden, dem man hilft auf gleicher Augenhöhe zu begegnen, habe ich damals als einen Wert erkannt, der vorhanden sein muss, wenn man richtig helfen will.

Man kann auf ganz unterschiedliche Weise helfen: Für einen Kranken einkaufen gehen, das Auto ausleihen, die Kinder hüten oder einfach in gespannter Lage ein gutes Wort einlegen. Und eine Freundin, die bei einem schweren Kummer eine Stunde zuhört, ohne gleich mit besserwisserischen Ratschlägen daherzukommen, kann seelisch den entscheidenden Unterschied ausmachen.
Am schönsten ist die Hilfe, die man unbewusst gibt, einfach, weil man da ist und so ist, wie man ist: Voll authentisch im hier und jetzt, wie es mir eine evangelische Schwester erzählt hat:
Ein Mann fuhr im Auto und spürte, dass er anhalten sollte, um im Wald: „Lobe den Herrn!“ zu singen. Das kam ihm zuerst ziemlich blöd vor und er kämpfte mit sich. Schließlich hielt er doch an, ging ein Stück in den einsamen Wald hinein und sang aus voller Kehle alle Strophen von: „Lobe den Herren“. Dann stieg er wieder ins Auto und fuhr davon.

Ein paar Tage später wurde er von einem Unbekannten angesprochen: „Waren Sie das, der da im Wald: Lobe den Herren gesungen hat?“ „Äh ja“, gab unser Mann verlegen zu: „War ich wohl etwas laut?“ „Allerdings!“, erwiderte der Unbekannte. „Und das war bloß gut! Ich hatte schon den Strick um den Hals.“

 

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Zu Hilfe!! - Glosse von Ruth Hanke
Glossen von Ruth HankeZu Hilfe!!

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