Wenn man älter wird…

Das Lieblingsessen vom Randolf war fertig, Putenschnitzel mit Champignons, Sahnesauce Gurkensalat und Reis. Ich sah auf die Uhr. Auch wenn viel Verkehr herrschte, hätte er schon vor spätestens 20 Minuten wieder zurück sein müssen, wie er es versprochen hatte. Ich rief ihn an: „Wo bist du?“ „Jaaa“, antwortete er gedehnt. „Ich bin gerade am McDonalds vorbei und komme dann gleich heim.“ „Sag mal“, fragte ich. „Bist du INS McDonalds gegangen?“ Im Hintergrund hörte ich leises Papierrascheln. „Nie und nimmer!“, widersprach er. „Ich weiß doch, dass ich gleich daheim ein leckeres Essen kriege.“ Als er da war, lobte er mein Essen sehr, wenn er auch nach ein paar Bissen erschöpft den Teller von sich schob. „Wenn man älter wird“, beteuerte er treuherzig. „kann man nicht mehr so viel essen!“ Aha, wenn man älter wird…

Der Arbeitgeber vom Randolf verlangte früher einmal im Jahr einen ärztlichen Rundum-Check von ihm. Danach rief er mich regelmäßig wegen Schwierigkeiten mit seinem Salatteller an. „Ich soll mehr Salat essen“, jammerte er. „Und die haben mir da was gebracht, das sieht wie ein Unkraut aus, ein Löwenzahn oder sowas. Kann man das essen?“ Er schickte mir ein Bild. „Ja, das ist Rucola“, klärte ich ihn auf. „Das kann man schon essen.“ Zaghaft biss er hinein und keuchte erschrocken. „Iiiihh! Das schmeckt ja scheußlich! Ich lass das zurückgehen und bestelle mir drei Bratwürste mit Kraut und Kartoffelsalat.“ „Nein!“, rief ich. „Dann lass den Rucola weg, aber du sollst nicht dieses ungesunde Zeug essen.“ „Ungesund!!“, schnaubte er empört. „Die Bratwurst ist ein Grundnahrungsmittel! Urfränkisch!! Du … du hast ja keine Ahnung!“ Das mochte sein, dass ich keine Ahnung hatte, aber mit der Zeit hatte ich einen Verdacht und zwar den, dass hier eine Art Abhängigkeit von Junkfood und besonders von der Bratwurst vorlag. Die Anzeichen dafür häuften sich erschreckend. Als ich einmal beim Metzger telefonisch meine Bestellung aufgab, fragte er mich, ob es dem Herrn Hanke auch gut ginge, er hätte schon seit drei Tagen sein Bratwurstweckle früh nicht abgeholt. Ich begriff mit jahrzehntelanger Verspätung, denn früher hatte der Randolf seine Sucht immer während der Arbeitszeit befriedigt, dass ein Bratwurststand auf ihn dieselbe Wirkung hat wie ein einarmiger Bandit auf einen Spielsüchtigen: Er kann ihm nicht widerstehen.

Es gibt darüber, was gesund ist, sehr unterschiedliche Meinungen. Die Ärzte, die der Randolf persönlich kennt, bilden zu seinen Ansichten einen oft flächendeckenden Kontrast. Trotzdem hat der Randolf viel Geduld mit ihnen. Obwohl sie die von ihrem Berufsstand entstellten Vorurteile nicht immer ganz für sich behalten können, wie zum Beispiel er sollte mehr Obst und Gemüse essen und weniger rauchen, schätzt er sie als gute Freunde und verträgliche Mitmenschen. Ich dagegen weiß, dass ich mich mit solchen Äußerungen zurückhalten muss, aber manchmal spielt mir der Zufall in die Hände: Der Randolf kommt vom Brötchenholen zurück und legt die Bäckertüte und sein Bratwurstweckle ab, geht nochmal zum Auto zurück, da schnappe ich mir das Bratwurstweckle und verstecke es auf der Fensterbank. „Hier hab ich doch gerade mein Wurstweckle hingelegt!“ behauptet er misstrauisch. „Weiß ich nichts von!“, entgegne ich ungerührt, worauf er, leise seufzend, stattdessen seinen Obstteller verputzt. Danach finde ich zufällig sein Wurstweckle. „Hättest du das vielleicht eher finden können?“, schimpft er. „Ja, stimmt“, gebe ich zu. „Jetzt fällt es mir ein: es hatte jemand da oben hingelegt. Aber wenn man älter wird kann man sich nicht immer alles merken.“

 

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