Wasser ahoi!

„Daniel!“, rief ich meinem 11-jährigen Sohn auf der Treppe nach. „Du musst heute unbedingt noch baden!“ Er drehte sich zu mir um und warf mir einen indifferenten Blick zu.

„Wenn ich in besseren Verhältnissen aufwachsen würde, würde ich ja auch öfter baden“, entgegnete er.
„Was für bessere Verhältnisse?“, wollte ich wissen.
„Wenn wir zum Beispiel einen Swimmingpool hätten.“
AHA. Swimmingpool.

Während der Daniel, der sich inzwischen zu einem modisch gestylten Sauberkeitsfanatiker entwickelt hat, mit elf Jahren baden für Zeitverschwendung hielt, war die kleine Franziska von Anfang an eine Wasserratte. Wasser war für sie ein Sportgerät, sie protestierte heftig gegen jeden Badezusatz, weil sie – am liebsten stundenlang – in der Badewanne tauchen wollte.
Unsere Familie kann man, was die Wasserbenutzung betrifft, grob in zwei Gruppen einteilen:
Die wasserscheuen Sparfüchse, im Allgemeinen männlich und die Badeorgien-Fans, im Allgemeinen weiblich.
Ich gehöre natürlich zu den letzteren. Ein Bad wärmt im Winter, kühlt im Sommer, entspannt in allen Lebenslagen und die Dichterin Sylvia Plath hat Recht mit der Behauptung: „Es gibt vielleicht ein paar Probleme, die ein heißes Bad nicht löst, aber mir fallen gerade nicht viele ein.“

Unbeeindruckt von der Tatsache, dass er dem Rasen alle zwei bis drei Tage eine Totalbewässerung gönnt, fasst der Randolf die Badebegeisterung seiner holden Weiblichkeit unter dem Oberbegriff „Wasserverschwendung“ zusammen.
„Wie lange dauert denn das? Macht ihr überhaupt noch mal was anderes außer baden?“
Auf die Frage, wann denn er zum letzten Mal gebadet hat, antwortet er stereotyp mit einem vieldeutigen: „Erst kürzlich.“
Auch ansonsten reagiert er unwirsch, wenn man während seiner Dusch-Zeit das Warmwasser in der Küche aufdreht: „Aahh! Das wird ja hier SAU-kalt! Mach SOFORT das Wasser aus!“

„Ach, was! Und du willst ein Kanadafahrer sein, der sogar schon mit dem Kanu im Arctic-Red-River baden gegangen ist?!“
„Das ist ja wohl was völlig anderes!“

Nur meiner Mutter, die einerseits eine Frau ist, andererseits aber auch ein Sparfuchs, gelingt die Quadratur des Kreises: „Muschelchen, ich habe den absoluten Tipp für Dich: Ich hab nämlich gerade das Roll-Bad erfunden: Du lässt zehn Zentimeter Wasser in die Badewanne und rollst dich darin solange, bis du überall nass bist … warum lachst du?“ „Weil ich mir unter einem ENTSPANNENDEM Bad etwas anderes vorstelle, aber ich will den Tipp gerne weitergeben an alle, denen nicht so leicht schwindlig wird.“

Im August weht in Dänemark ein erfrischend salziger Wind vom Meer her, die helle Sonne spiegelt sich glitzernd in bewegtem Wasser, weiter draußen brechen sich die Wellen der Nordsee mit weiß-perlendem Schaum und Plötzlich sind die Sparfüchse und Badenixen, die Sportfanatiker und Sonnenanbeter ideologisch und familiär wieder vereint: Auf ins Meer!

Wasser ist jetzt wirklich genug da.

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