Was zum Aufsetzen

Bei uns in Puschendorf fegte in diesem Spätherbst schon ein Wind von gefühlten – 15 C° durch die Straßen. Ich hatte gerade eine Ohrentzündung überstanden und mein Vater, in diesen Dingen ein praktischer Mensch, sagte: „Kauf dir was Vernünftiges zum Aufsetzen, Ruthl, ich zahl dir das. Geh in ein Fachgeschäft, eine schicke Mütze muss es sein, sonst setzt du sie ja sowieso nicht auf.“ Recht hatte er. Am darauffolgenden Samstag betraten der Randolf und ich ein bekanntes Hut-Geschäft in Nürnberg. Drei ältere Damen, offenbar Schwestern, standen im Parterre des Verkaufsraumes.

„Grüß Gott!“, meinte ich. „Ich bräuchte etwas für die Ohren.“

Die kleinste und älteste der drei Damen musterte mich kritisch.

„Haben Sie vor, diese auffällige Frisur öfter zu tragen?“

„Also, hören Sie – das ist mein Naturhaar!“

„Und diesen Mantel mit DIESEM Pelzkragen?“, wollte sie wissen.

„Na, also – ja!“

„Hm – HM“, murmelte sie, kramte unter ihrem Ladentisch und warf ein schwarzes, flaumiges Etwas mit seitlicher Fell-Bommel auf den Tisch. Ich betrachtete die Mütze, die mir recht unspektakulär vorkam und protestierte:

„Sowas steht mir nicht, oben zu flach und außerdem, wieso schwarz …“

Sie unterbrach mich, indem sie zum Randolf gewandt meinte: „Sagen Sie Ihrer Frau, sie soll das aufsetzen!“ Um hier keinen Eklat zu verursachen, setzte ich die Mütze auf und betrachtete überrascht mein Spiegelbild: Die schwarze Kappe stand mir, der weiche, elastische Angora-Strick wärmte angenehm und doch luftdurchlässig die Ohren. Aber hier gab es Hüte auf drei Stockwerken – und viele davon wollte ich aufprobieren, wenn ich schon einmal hier war. Ich nahm einen lilafarbenen Lodenhut mit zwei düsenartigen, pinkfarbigen Fasanenfedern vom Ständer.

„BITTE!! Lassen Sie das!“, befahl die Dame.

„Ich will es doch nur mal probieren!“, revoltierte ich. „Ich mache doch hier nichts kaputt!“

Die Dame versuchte ihren Gesichtsausdruck von komischer Verzweiflung unter Kontrolle zu halten, als ich mit dem Hut auf dem Kopf vor den Spiegel trat und einen Schrei ausstieß, den man auf allen drei Stockwerken gehört haben dürfte. Die schrille, geschmacklose Schachtel, die mir aus dem Spiegel entgegenstarrte, konnte doch unmöglich ich sein!
Ich hatte plötzlich einen verkürzten Hals, einen flachen Hinterkopf, eine ungesund grünliche Hautfarbe und einen Gesichtsausdruck, der zwischen grenzdebil und scharfböser Geltungssucht schwankte. Erschüttert setzte ich den grässlichen Hut ab.

„Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen das lassen“, war der lapidare Kommentar der Hutexpertin.

„Aber warum …“, stotterte ich.

„Je bescheidener die Füllung, desto gekonnter die Umhüllung“, zitierte sie.

„Und was heißt das jetzt in meinem Fall?“, erkundigte ich mich.

„Es heißt“, erklärte sie. „dass, wenn als Füllung wie bei Ihnen blonde Locken, frische Haut, bunte Makeup-Farben und noch ein Pelzkragen da sind, dass man dann mit der UM-Hüllung etwas neutraler umgeht, denn der Hut soll Sie ja unterstreichen und nicht erschlagen. Dies hier ist ein Hut für eine ältere Dame mit eingefallenem Gesicht ohne Makeup und grauem Haar, die einen schlichten Mantel in grau oder schwarz trägt; dann wäre dieser Hut ein aparter Blickfang. Außerdem ist es ein Gebot des guten Stils, dass so ein Hut einer älteren Dame vorbehalten bleibt.“

„Wie alt?“, fragte ich.

„Mindestens siebzig sollte sie sein – und auch so aussehen.“

Auch im übertragenen Sinn haben wir manchmal nicht den passenden Hut auf.

Ich kenne Leute mit funktionierendem Auto und abgezahltem Eigenheim, die trotzdem an jedem Bettler mit einem jammernden: „Uns schenkt auch keiner was“ vorbeigehen.

Manche, auch jüngere Menschen, machen für andere keinen Finger krumm, reißen einem aber buchstäblich den Kopf ab, wenn man aus Versehen „Negerkuss“ statt „Schaumkuss“ sagt.

Auf dem Weg zum Friedhof war mein alter Vater schon vorausgegangen, ich wollte noch schnell in dem Blumenladen davor einen Strauß Rosen und Lilien kaufen, als ich sah, wie aus dem gegenüberliegenden Wohnhaus im Parterre ein Mann aus dem Fenster lehnte, und die KfZ-Nummer unseres Autos aufschrieb. „Ihr habt fei falsch geparkt!“, geiferte er. „Da ruf ich gleich die Polizei an!“

In der Tat hatte mein Vater auf dem komplett leeren Friedhofsparkplatz den Wagen aus Versehen auf einem der Behindertenparkplätze abgestellt. Ich ging zu dem Mann hinüber und sah hinauf. Er lehnte auf einem abgenützten Häkelkissen, das eisgraue Haar hing ihm ins Gesicht und das Gebiss klapperte fürchterlich. „Hören Sie“, schwindelte ich lächelnd. „Mein Vater hat einen Behindertenausweis! Er ist leicht erregbar, wenn man ihn provoziert, wird er gewalttätig. Er ist mit diesem Ausweis aus der Bezirksanstalt entlassen worden, weil – wissen Sie! -, wenn man ihn in Ruhe lässt, ist er nämlich ein ganz Lieber. Aber ich finde es richtig toll, dass Sie darauf aufpassen! Was hier mit den Parkplätzen getrieben wird, geht wirklich zu weit!“

Plötzlich strahlte er mich unvermutet an und sah gleich ganz anders aus. Er fing an zu erzählen, was er als selbsternannter, ehrenamtlicher Parkplatzwächter schon alles erlebt hatte und lachte nach fünf Minuten, als ob das Leben richtig schön wäre.

„Machen Sie es gut, junge Frau!“, rief er, als ich ging, und es klang wie ein Segen.

Unter dem Hut eines Nervsacks und Besserwissers steckte ein einsamer Mensch, der sich wie verrückt nach etwas Kontakt und Anerkennung sehnte.

Welchen Hut hat man auf und wer ist man wirklich?

Wissen Sie es?

 

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Was zum Aufsetzen - Glosse von Ruth Hanke
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