Was sich wandelt und was bleibt

Ich war 16 Jahre alt und stand am Bahnhof in Erlangen, wo der Randolf, den ich zwei Tage vorher in einer Jugend-Disco kennengelernt hatte, mich erwartete und ich – so erzählt er es jedenfalls – muss schüchtern geguckt haben.

Ich weiß nicht, ob ich schüchtern war; ganz bestimmt war ich desorientiert und also verunsichert.

Ich wusste nicht, ob ich hier richtig war, ich wusste nicht, wie der Typ bei Tage aussah, ob ich darauf bestehen sollte, selbst zu zahlen und was das überhaupt alles werden würde. Diesen Gesichtsausdruck, mit dem ich ihn unter einer weißen, selbstgestrickten Mütze hervor ansah, hat er als für mich sehr charakteristisch in Erinnerung behalten. Was meine Orientierungsschwäche praktisch bedeutete, erlebte er, als er mich wenige Wochen später nach langem Suchen weinend auf der Notfalltreppe im Kaufhof vorfand, wo ich mich verlaufen hatte und überzeugt war, hier nie wieder lebend herauszukommen.
Seit damals, es ist fast vierzig Jahre her, hat sich eine Menge geändert: Die weiße Mütze habe ich längst nicht mehr, den grünen Kunstledermantel mit dem Fellkragen auch nicht und in den Einstellungen und Ansichten hat sich ebenfalls einiges geändert.

Was verändert sich im Lauf des Lebens?

Die Wohnorte verändern sich, die Arbeitsstellen, beste Freundinnen verlieren sich aus den Augen, freiheitsliebende, junge Frauen werden fürsorgliche Mütter, ehemals heiß geliebte Bücher, Bilder und Filme werden mit der Zeit langweilig und man entwickelt nie für möglich gehaltene Vorlieben und Interessen.

Nicht nur Aussehen und Ansehen, Besitz und Gesundheit, Karriere und Familienstand verändern sich durch die Zeit, auch man selbst in jeder Minute, in jeder Stunde und jedem Tag ein Stück mehr.
Ich sehe inzwischen anders aus als früher und einige meiner damals mit wilder Überzeugung vorgetragenen Ansichten kommen mir heute einseitig, wenn nicht unreif vor und trotzdem sagt der Randolf noch manchmal: „Jetzt guckst du wieder so wie am Bahnhof in Erlangen unter Deiner weißen Mütze hervor.“ Ich kann das kaum glauben, es sei denn, er spielt auf meine Orientierungsschwäche an, denn die ist immer noch da.

Was bleibt also unversehrt im Strom der Zeit?

Es ist das innere Bild der oder des Geliebten, das man in all den Jahren im Herzen bewahrt hat und das durch den Anblick des geliebten Menschen immer wieder neu belebt wird, auch, wenn der inzwischen vielleicht ganz anders aussieht. Wie wir ja auch schön finden, was wir lieben – und nicht etwa umgekehrt, wie das fälschlicherweise oft angenommen wird -, bleibt auch der geliebte Mensch innerlich immer jung, auch wenn er älter wird.

William Shakespeare hat diesem Ausnahmefall von allem Vergänglichen, in dem die Geliebte im Auge des Liebenden ewig jung bleibt, ein temperamentvolles Gedicht gewidmet:

Nicht Erz, nicht Stein, nicht Erde, nicht die See
sie trotzen nicht der Sterblichkeit Gewalten.
Und sie, die Schönheit, soll dagegenstehn?
Sie, eine Blume, soll hier Kraft entfalten?

Des Sommers Honig-Atem hält er stand?
Die Tage kommen tobend angeritten.
Zeit und Verfall! Du trotzt nicht, Felsenwand.
Und Tore, ehern, ihr steht nicht inmitten.

Der Zeit Juwel – nein, du bewahrst´s nicht auf:
Mit eigner Truhe kommt die Zeit geschritten.
Und welche Hand hält ihre Füße auf?
Sie raubt die Schönheit – wer will´s ihr verbieten?

Nein, keiner! Nie! Es sei denn, dies trifft zu:
Aus meiner Tinte Schwarz, draus leuchtest du.

 


Gedicht passend dazu: Der Wandel

 

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Was sich wandelt und was bleibt - Glosse von Ruth Hanke
Glossen von Ruth HankeWas sich wandelt und was bleibt

  • Michaela

    VIELEN DANK, für dieses ansprechende Gedicht.
    Werde gleich einen Teil davon umsetzen:
    „…und fange an mich herzurichten,
    ich gedenke heute zwar nicht mich abzulichten
    doch beginn ich diesen Tag nun mit Schwung,
    denn wie heute bin ich nie mehr jung …“

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