Was Männer wollen

Was Männer wollen

Die Richterin der Realityshow stützte ihre Ellenbogen auf die Tischplatte und beugte sich zu den beiden jungen Burschen hinüber, die bei starkem Schneefall an einem frühen Abend im Dezember auf einer Landstraße einen seitlich kommenden Lastwagen, der aber Vorfahrt hatte, mit ihrem PKW gerammt hatten.

„Sie wollten ins Kino, haben Sie gesagt. Welcher Film lief denn?“
„Blues Brothers“
„Aha. Kannten Sie diesen Film schon?“
„Äh … ja, “ meinte der eine und der andere gab zu:
„Schon 23 mal.“
„Welche Kleidung trugen Sie an diesem Tag?“
„Äh … wieso?“
„Beantworten Sie meine Frage!“ forderte die Richterin.
„Einen Anzug halt.“
„Schwarze Anzüge, weiße Hemden und die obligatorischen Hüte?“
„Äh … ja,“
„Und SONNENBRILLEN gehören auch zum Blues Brothers – Look.
Hatten Sie vielleicht Sonnenbrillen auf?“
„Weiß ich nicht, kann schon sein.“ flüsterte der eine.
„Was haben Sie sich dabei gedacht, im Zustand fast völliger Blindheit Auto zu fahren?“
„Aber das haben wir doch nicht gesehen, dass wir nichts sehen, das haben wir erst gehört, als es gecrasht hat!“ jammerte der andere.

In der Tat, man kann es auch übertreiben mit den Sonnenbrillen.

Eigentlich soll eine Sonnenbrille die Augen vor allzu starker UV-Strahlung schützen und gleichzeitig Schutz und Durchblick garantieren. Aber kein anderes Accessoire steht auch so klar für modisches Statement wie die Sonnenbrille, wobei die Moden mit den Jahren wechseln: Es gab Sonnenbrillen in grün, blau, braun und schwarz, in allen Regenbogenfarben spiegelnd, mit spitz zulaufenden Enden in den sechziger Jahren, mit jeder Art Zierrat versehen; es gab Brillen im Pilotenstil, Guggenheim-Style und pro Saison von jedem Designer, der auf sich hält, mindestens ein neues Musthave-Modell. Ein Playboy, der seine Berufung ernst nimmt, ist ohne Sonnenbrille gar nicht denkbar und erst Recht würde ein waschechter Mafioso ohne Sonnenbrille von der Polizei auch nicht als solcher akzeptiert werden, wenn er sich selbst mit Steckbrief und Knarre zu erkennen gäbe.
Manche Menschen setzen selbst in der Sahara-Sonne nur ungern eine Sonnenbrille auf, andere fühlen sich ohne die getönten Gläser so nackt wie Lucky Luke ohne Colt.
Arrivierte und kommende Stars verstecken sich gerne in Total Shields, Riesensonnenbrillen, die fast das ganze Gesicht verhüllen, die Unauffälligkeit bewirken sollen und – wie vielleicht beabsichtigt – das Gegenteil erreichen.
Es ist ein spannendes Spiel mit der Kunst der Verhüllung, bei der man doch durch die Wahl der Mittel unbewusst einiges von sich selbst preisgibt. Jedenfalls ist es im Film immer ein bedeutender Moment, wenn im Gespräch die Frau die Ohrringe und der Mann die Sonnenbrille abnimmt.

Fast jeder hat, unabhängig von der gängigen Mode, seine Lieblingssonnenbrille, nur mein Freund Robert nicht. Er kann Sonnenbrillen nicht leiden. Vor allem bei Frauen nicht.

„Was tut ihr Frauen uns armen Männern an mit diesen ewigen Sonnenbrillen!“, klagte er.
„Als Mann will man von einer Frau doch vor allem die schönen Augen sehen!“
„Die Augen wollen die Männer sehen?“, fragte ich. „Im Ernst?“
„Natürlich, die Augen!“ versicherte er entrüstet. „Was dachtest du denn?“

 

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Was Männer wollen - Glosse von Ruth Hanke
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