Was kann weg?

Ausmisten in der Coronakrise

Wer war Margarethe Kärgel? Wissen Sie nicht? Ich auch nicht. Ich halte ratlos ein brüchiges, sehr vergilbtes Dokument in der Hand, auf dem steht, dass Margarethe Kärgel im Jahr 1943 umgezogen ist und dagegen von behördlicher Seite aus keine Einwände bestünden. Mein Ehemann, der Randolf, wirbelt gerade in seinem Arbeitszimmer gewaltig Staub auf, indem er die Schubladen und den kapitalen Aktenschrank ausräumt; eine Tätigkeit, bei der keine Langeweile aufkommt.

Frau Kärgel war die Mutter von Randolfs Großtante Anneliese, die obwohl sie 94 Jahre alt wurde, inzwischen auch schon seit über zehn Jahren tot ist. Soweit ich sehe, besteht kein zwingender Grund, die Umzugsbescheinigung ihrer seit über 60 Jahren toten Mutter weiterhin aufzuheben.

Kein Mensch wagt sich gerne an vollgestopfte Schränke mit Uralt-Hinterlassenschaften oder Schubladen mit unbrauchbaren Tischdecken, aber jetzt, wo man daheimbleiben soll, besteht die einmalig günstige Chance, dieses Zuhause in einen frühlingsfrischen Idealzustand zu versetzen! Denn bei dem Ausmisten von Dingen, die schon lange halbkaputt herumliegen, unerledigt nerven, sinnlos Stauraum blockieren kann man ganz ohne Umzug und Mieterhöhung zu einer größeren Wohnung kommen. Man zahlt für jeden Quadratmeter Miete. Wieviel altes Gerümpel will man beherbergen?

Die Wohnung von sehr alten Leuten erkennt man oft daran, dass dort viele Dinge herumstehen, die nicht nur ihren funktionalen, sondern auch ihren emotionalen Wert schon lange verloren haben, deren Vorhandensein aber nie hinterfragt worden ist. Diese etwas unpraktische Vase war ein Geschenk der Schwägerin und hat damals wirklich Freude bereitet, aber in den letzten 20, 30, 40 Jahren wurde sie gar nicht mehr zur Kenntnis genommen und jetzt steht sie nur da, weil sie schon immer da stand. Raus damit! Verschenken, verkaufen, wegwerfen befreit auch seelisch, denn wer mit der Vergangenheit abschließt, schafft Platz für Neues! Und wenn man erstmal mitten drin ist im Entrümpeln, packt einen die Begeisterung. Nachdem der Randolf im Arbeitszimmer einen Zentner Altpapier entsorgt hatte, räumte er gleich noch seine Raucherlaunch auf, die sofort viel heller, größer und schöner aussah, eigentlich so, als ob man jetzt jemanden einladen könnte.

Wenn das Ende des Shutdowns kommt: Er ist gerüstet!

 

Hat die Glosse gefallen?
Gesamtbewertung: 4.7 (7 Bewertungen)
Abschicken

 


Was kann weg - Glosse von Ruth Hanke
Was kann weg?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bewertung