Ursache und Wirkung

Die gestohlene Stunde

Der Abteilungsleiter beugte sich über mein Dia, auf dem nach Kundenauftrag viele Flaggen zu sehen waren und meinte, er wäre nicht sicher, ob diese Fahnen auch diejenigen wären, deren Länder der Kunde symbolisiert haben wollte. Um zu verhindern, dass ich die falschen Farben kombinierte zu Ländern, die nicht gemeint waren oder am Ende noch zu solchen, die es gar nicht gab, sollte ich doch zu Herrn Winkler im ersten Stock hinunter gehen; der hätte ein Buch mit Flaggen und mich vergewissern, dass ich auch alles richtig machte.

Ich fragte meine etwas ältere Kollegin Corinna nach Herrn Winkler. „Nein, da musst du keinen Termin ausmachen, bei dem kannst du einfach so vorbeischauen, der ist riesig nett, ehrlich, ein großer, dicker Typ, lacht gerne, mit dem gibt’s nie ein Problem. Am Anfang des Ganges hat er sein Büro, zweites oder drittes Zimmer linker Hand!“, sagte sie.

Ich machte mich also auf den Weg. Weil ich noch neu in der Firma war, mit siebzehn Jahren im ersten Lehrjahr, suchte ich langsam nach dem Türschild von Herrn Winkler. Was hatte Corinna mit „Anfang des Ganges“ gemeint? War der Anfang vom Gesamtsekretariat und Eingang aus gesehen oder vielmehr von der Kantine aus und wo war in diesem Fall rechts oder links, aber da hatte ich das Zimmer, das wohl eher in der Mitte lag, schon gefunden, klopfte an und trat ein. „Guten Morgen!“, strahlte ich. „Ich bin der neue Lehrling aus der Grafik, Ruth Böbel, freut mich sehr, Sie kennenzulernen!“ Er erhob sich umständlich und etwas verdutzt, als ich ihm die Hand reichte und ergriff sie. „Angenehm“, murmelte er. Typisch Corinna, dachte ich. Jeder, der nicht klapperdürr wie eine Zaunlatte ist, wird von ihr gleich als dick bezeichnet! Du lieber Himmel, Herr Winkler war doch nicht dick, nicht einmal besonders kräftig. Diese Betrachtungsweise war wieder Mal ein Auswuchs des allumfassenden Schlankheitswahns. Ich reichte ihm meine Blätter mit den Fahnen hinüber, die er lange ansah und dann mich und endlich meinte, es hätte alles seine Richtigkeit damit. Das freute mich ehrlich. Ich freute mich über die Frühlingssonne, die durch die Fensterscheiben blitzte, dass ich heute passend zum Wetter die pfirsichfarbene Bluse im Kimonostil mit den Schmetterlingsbroschen anhatte, entdeckte das Hundefoto auf seinem Schreibtisch und erzählte, ich hätte auch einen Hund. Langsam kamen wir ins Gespräch. Der etwa 55-jährige Herr Winkler brauchte vielleicht etwas Zeit, um aufzutauen, aber er war wirklich sehr nett. Die grauen Augen ruhten voller Anteilnahme auf mir, die schmalen Lippen gaben beim Lachen zwei Reihen weißer Zähne frei, was ihn für den Moment des Übermuts überraschend verwegen, ja sogar etwas piratenhaft aussehen ließ.

Irgendwann vergaßen wir die Zeit, überboten uns mit lustigen Anekdoten aus Arbeit und Schulzeit und waren geradezu schockiert, als wir den Gong hörten, der die Mittagspause einläutete.
Als ich am nächsten Morgen in der Frühstückspause mit meinen Freundinnen auf dem Weg zur Kantine war, begegnete uns Herr Winkler auf dem Gang. Er grüßte mich schon von weitem und blieb für ein paar Worte stehen. „Woher kennst du den?“, flüsterte Corinna verschwörerisch, als er außer Hörweite war. „Von gestern!“, erwiderte ich. „Ich war gestern bei ihm wegen den Fahnen, Herr Winkler ist wirklich sehr nett.“ „Aber“, stotterte sie. „Das ist doch nicht Herr Winkler! Der Typ ist Dr. Wilhelm Ingler, Prokura und Finanzcontrolling, eine geizigere Krähe, einen zänkischeren Alten gibt’s in der ganzen Firma nicht, vor dem hat aber jeder Angst! Wenn man bei dem bloß durch die Tür kommt, fliegt man doch sofort wieder raus!“ Ich guckte fassungslos und begriff, dass ich die Namensschilder „D. Winkler“ mit „Dr. W. Ingler“ verwechselt hatte.

Zwei Tage später wurde ich abkommandiert, um Dr. Ingler auf den desolaten Zustand unserer Schneidemaschine aufmerksam zu machen. Schon eine halbe Stunde später war er da, höchst selbst, der Abteilungsleiter hielt ihm die Türe auf, besah sich unsere Schneidemaschine und versprach, sich darum zu kümmern. Noch am gleichen Tag wurde das Gerät abgeholt und uns drei Tage später wieder gebracht, frisch geschliffen und neu justiert. „Wunderbar!“, jubelte ich. „Messerscharf! Geht wieder wie neu!“ „Naja“, moserte Corinna. „Das ist wieder typisch Ingler! Lässt die alte Maschine reparieren anstatt gleich eine neue zu kaufen, kein Wunder, dass den keiner leiden kann.“ Ich sah in ihr spöttisches, ewig unzufriedenes Gesicht und dachte: „Oder umgekehrt! Was ist hier die Ursache, was die Wirkung?“ Und obwohl ich nicht dazu beauftragt worden war, rannte ich um drei Ecken und die Treppe zum ersten Stock hinunter, schlüpfte, ohne anzuklopfen in Dr. Inglers Büro und meinte, etwas außer Atem: „Entschuldigen Sie! Ich wollte mich für die Schneidemaschine bedanken, funktioniert wieder tadellos!“ „Setzen Sie sich!“, meinte er und ich sehe noch seine Handbewegung, mit der er auf einen Knopf seines Tischtelefons drückte. Es war die Lautlos-Taste.

Kein Zweifel: Wir waren gewissenlos genug, uns von der geheiligten Arbeitszeit eine weitere Stunde zu klauen. Mochten die anderen von Dr. Ingler denken, was sie wollten, ich fühlte deutlich, dass wir vielleicht das bessere Teil erwischt hatten; es würde uns keiner nehmen können. –

 

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Ursache und Wirkung - Glosse von Ruth Hanke
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