Unser Spiel

Mein kleiner Neffe Emil war drei Jahre alt, als er bei uns zu Besuch war und interessiert das zischende Bügeleisen betrachtete, mit dem ich ein Oberhemd glättete. „Das ist´n gutes Gerät“, meinte er fachmännisch. „Wieviel PS hat es?“ „Das hat keine PS!“, antwortete ich. „Das muss ich mit der Hand schieben, damit der Stoff glatt wird.“ Der Kleine lachte sich fast kaputt, er war überzeugt davon, dass ich mich hier meinem Vergnügen hingab. „Sag mal“, fragte ich. „Macht Deine Mama sowas nicht?“ „Nee“, er kugelte sich geradezu vor Lachen. „Die spielt nicht mit Autos!“ Tatsächlich wusste er nicht, was ein Bügeleisen ist; aber was ein „Foul“ ist, ein „Aus“, sogar ein „Abseits“ und natürlich ein „Tor“ wusste er da schon ganz genau, wie ich am selben Abend erkennen konnte, als wir alle zusammen die Bundesliga-Zusammenfassung in der Sportschau ansahen. Nicht nur, dass Emil die Abläufe des Spiels und seine Regeln erstaunlich gut verstand, er gab auch noch öfter fachkundige Kommentare von sich, die mich vom Ton her an seinen Vater Rüdiger erinnerten, vom Inhalt her aktuell ins Schwarze trafen.

Besorgt schüttelte er seinen kleinen Kopf und konstatierte: „Die kriegen und kriegen den Ball nicht rein!“ und „Wenn es so weiter geht, endet es wie letztes Mal: Da haben sie ja BÖSE verloren!“

Als er fünf Jahre war, hat man ihn ohne Fußball kaum gesehen; auch zu einem Grillfest des Tischtennisvereins hatte er einen dabei. Die vier viel älteren Jungs, die am Ende des Bolzplatzes Fußball spielten, hatte er natürlich auch sofort entdeckt, verließ uns also, ohne große Formalitäten und bot sich als Torwart an. Zu meinem Erstaunen ließen sie ihn einfach mitspielen. Er verfolgte das Spiel mit hungrigen Augen. Als der Schuss mit voller Wucht kam, warf sich Emil ihm entgegen, der Ball traf ihn im Bauch und der Kleine wurde mehr als einen Meter bis zur Torlinie zurückgeschleudert; noch im Liegen drückte er den Ball an sich wie ein Ertrinkender die rettende Holzplanke. Ich rannte hin, um zu schauen, was noch von ihm übrig war und hörte ihn murmeln: „Kein Tor! Kein Tor!“ Die älteren Jungs nickten. „Klar, kein Tor, Mann, du hast ihn doch!“ Er war ein bisschen blass um die Nase, als er sich aufrappelte, aber sofort bereit, weiterzuspielen. „Er bleibt bei uns“, meinten sie. „Wir passen schon auf ihn auf.“
Drei Stunden später, in der Nacht, verabschiedeten sich die Jungs von Emil mit Schulterklopfen und der Aufforderung, bald wieder zu kommen. In seinen Augen ging ein Licht auf, das darin blieb, bis ihm an diesem Abend die Augen zufielen.

Er wurde später in seinem Verein ein sehr beliebter Torwart, noch immer kann man mit ihm stundenlang über Fußball fachsimpeln, seine Kenntnisse auf diesem Gebiet sind nahezu unerschöpflich.

Fußball ist nicht nur ein Spiel, es ist UNSER Spiel. Fußball ist auch nicht nur die schönste Nebensache der Welt, wie eine formschöne Umschreibung behauptet, sondern für gar nicht so wenige, „echte“ Fans ist Fußball eine todernste Hauptsache und es ist ja auch verständlich: Schließlich bietet der Fußball in unserer an echten Heldensagen so armen Zeit, die Möglichkeit, echte Siege zu erleben, bittere Niederlagen, Hoffnungen, Enttäuschungen, einen Kampf bis zum äußersten, in dem es aber keine Toten gibt (also im allgemeinen nicht) und die Chance eine dauerhafte Solidarität zu einer Mannschaft zu erleben, die oft länger hält als so manche Freundschaft oder Liebe. Und – ein nicht zu unterschätzender Aspekt – auch die nicht mehr so sportlichen unter uns können sich so nahe am Geschehen eines großen Bildschirms wieder jung fühlen, wenn sie rufen: „Mach ihn! Mach ihn! Das ist dein Tor!!“ Und: „Oooh! Den hätte ich aber mit dem Hausschlappen eher reingeschoben!“

Das Gefühl, dass „wir“ gewonnen haben, wenn wir eigentlich nur zugeschaut, aber mitgehofft, mitgebangt, mitgefiebert haben, ist für das so wichtige Gemeinschaftsgefühl als Fußballnation unersetzlich.

„Fußball ist unser Leben“ heißt es daher logischerweise in einem Fan-Lied.
Genauso ist es. Es ist eine Never-Ending Story, denn schon während des Ausatmens nach einem großen Finale kann man sich wieder auf das nächste Spiel freuen, wie es eine alte Fußball-Weisheit sagt: „Nach dem Spiel, ist vor dem Spiel!“ Auf geht’s!
 

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Unser Fussball Spiel - Glosse von Ruth Hanke
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