Strümpfe ohne Löcher

Ich war vierzehn Jahre alt, am Tag des Gemeindefestes. Um möglichst cool zu erscheinen, hatte ich beschlossen, verschiedenfarbige Strümpfe mit ein paar Löchern anzuziehen – um meine antikapitalistische Gesinnung unter Beweis zu stellen. Meine Mutter musterte mich kritisch, als ich in der Tür stand. „So willst du gehen?“, fragte sie. „Mit unterschiedlichen Strümpfen? Die haben Löcher, zieh andere an!“ „Kann ich nicht!“, gab ich zurück. „Ich hab keine ohne Löcher!“ Aber sie ließ sich auf keine Diskussion ein. Schlechtgelaunt saß ich im Auto und dachte, dass ich später, wenn ich selbst mal ein Kind haben würde, nie so auf das Äußerliche fixiert sein würde wie meine spießige Mutter. Auf dem Fest vergas ich die Peinlichkeit meiner löcherlosen Strümpfe und es wurde ein schöner Abend.

Zwanzig Jahre später saß meine Mutter im Wohnzimmer unseres Hauses und wartete auf meinen Sohn, den elfjährigen Daniel, den sie zum Tae-Kwan-Do abholen wollte. Als er hereinkam, fielen mir drei kleine Löcher in seinen Sportsocken auf. „Dany, deine Strümpfe haben Löcher, bitte zieh dir andere an“, meinte ich. „Ich habe keine ohne Löcher!“, behauptete er dreist, um ein völlig unglaubwürdiges: „Tut mir Leid!“ anzufügen. „Was?!“, protestierte ich und zu meiner Mutter gewandt: „NATÜRLICH hat er Socken ohne Löcher!“ Sie lächelte mich an, mit einem tiefen Verständnis in den grünen Augen. „Ich weiß“, meinte sie. „Ich habe selbst vier Kinder, mein Liebes, du kannst mir glauben: Ich kenne den Text.“

So ist das: Mütter haben wie niemand sonst das Potential, uns auf die Palme zu bringen. Es wäre nicht realistisch, das zu leugnen. Aber kaum zwanzig Jahre später kann uns das, was uns ehemals auf die Palme gebracht hat, ein unschätzbarer Trost sein. Gerade in den Jahren, seitdem ich selber Mutter bin, ist meine Mutter mir eine wunderbare Hilfe in allen Schwierigkeiten und Freuden mit den Kindern gewesen. Ihr tiefes Wissen und dass ich in ihr immer einen Ansprechpartner hatte, war ein Segen und ist es noch – bis zum heutigen Tag.

Einmal habe ich das in einem Muttertags-Gedicht an sie geschrieben:

„Immer mehr Wert wird im Leben,
Was Du mir als Kind gegeben.
Deine Leistung wird erst jetzt
Von mir so richtig eingeschätzt.“

 

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Strümpfe ohne Löcher - Glosse von Ruth Hanke
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