Sonne und Mond: Der Opa!

Das Verhältnis von mir und meinem Opa war Liebe auf den ersten Blick, von ihm aus: 24 Stunden nach meiner Geburt, als er mich zum ersten Mal sah, und von mir aus geringfügig später; denn meine Mutter versichert, dass mein Opa ganz bald einen Logenplatz in meinem Herzen hatte. Diese Begeisterung ließ auch mit der Zeit nicht nach. Die ersten drei Jahre meines Lebens hat er mich hauptsächlich getragen. Ob das für meine sportliche Entwicklung immer so gut war, bezweifle ich, aber für mein Lebensgefühl war der Opa großartig und unverzichtbar. Er ging mit mir in den Tiergarten und zum Eis essen, auf sämtliche Spielplätze und wartete geduldig, wenn ich auf der Fürther Kirchweih tatsächlich achtmal hintereinander Karussell fahren musste. Er war tagsüber meine Sonne und nachts mein Mond. Das blieb so bis zu seinem Tod und obwohl ich theoretisch weiß, dass auch er nur ein Mensch mit Schwächen war, fällt mir bis auf den heutigen Tag nur Gutes ein, das ich über ihn sagen könnte. Dass jetzt, zwei Generationen später, der Randolf ein bezaubernder Opa werden würde, war schon abzusehen, als wir noch gar kein Enkelkind hatten. Immer, wenn wir spazieren gingen, kamen wir irgendwie gar nicht voran, weil er jede Mutter mit Kinderwagen anhielt, um sich begeistert über das kleine Wunderwesen auszutauschen. Schließlich vereinbarten wir, dass er nur drei Mütter mit Kinderwagen pro Spaziergang ansprechen würde. Als dann das erste Enkelkind auf der Welt war, brach sich die Euphorie ungehindert Bahn: Während ich als Oma bei aller Liebe noch über einen Rest an Klarheit und Vernunft verfügte, ging der Randolf mit der kleinen Enkeltochter eine gleichsam chemische Verbindung ein und sie halten seitdem zusammen wie Uhu Komponentenkleber. Es ist schon erstaunlich, dass Männer, die jahrzehntelang auf der Kommandobrücke des Lebens in Beruf und Familie sich als nüchterne, weitblickende Charaktere bewährten, in Bezug auf die Enkelkinder völlig neue Seiten entwickeln. Das Enkelkind kommt in den Genuss einer Emotion, Hingabe und Spielfreude, für die es im harten Alltag der Opas vielleicht früher nicht genügend Verwendung gab. Aber jetzt, Mütter und Väter, wenn ihr für euer Kind einen solchen Opa habt: Gut behandeln und gnadenlos mit einbeziehen, dann hat das Enkelkind viele Jahre eine sichere Bank an Wärme und Zuwendung und ihr habt die Gewissheit, dass es auch, wenn ihr einmal nicht da sein könnt, einen menschlich hellen Stern am Himmel hat: Den Opa, seine Sonne und sein Mond.
 

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Sonne und Mond: Der Opa! - Glosse von Ruth Hanke

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