Sei dankbar!

Der Randolf teilt die Erdbeeren auf und zwar in zwei saubere, gleichberechtigte Teile: Ein sattes Viertel für mich und das restliche Teil für ihn. Als ich protestiere, dass ich mehr Erdbeeren haben will, muss er mir einen Ratschlag von moralisch-pädagogischem Wert zukommen lassen: „Jetzt sei mal dankbar für das, was du hast! Andere Menschen haben gar keine Erdbeeren!“

Sehr richtig! Mit einer dankbaren Einstellung wird man den Dingen, die man hat, erst richtig gerecht. Diese Einstellung den Leuten, die man unter sich hat zu vermitteln und zwar so, dass sie es auch glauben und wirklich davon überzeugt sind, ist Aufgabe und Fähigkeit einer echten Führungspersönlichkeit. Wer hat schon immer genug Bratkartoffeln zum Abendessen, wenn er eine fünfköpfige Familie satt kriegen will? Der Randolf jedenfalls nicht. Aber spielt das eine Rolle? Nein! Während er gut gelaunt und ambitioniert alle Reste, die noch irgendwie im Kühlschrank lagerten mit seinen Bratkünsten veredelte, erzählte er den Kindern, dass jeder bekommen würde, was er wollte, was man als bloße Absichtserklärung zu verstehen hatte; dass jeder sich auch noch nachnehmen könnte, was er zwar schon konnte, dabei aber nicht mehr als 2 Löffel Ertrag zu erwarten hatte. „Es ist für jeden genug da!“, wiederholte er in einem solchen Brustton der Überzeugung, dass ihm die ganzen Jahre kein Mensch widersprochen hat. Die Stimmung war immer gut, die Kinder nahmen die Herausforderung sportlich und lagen anschließend mit dem befriedigendem Gefühl im Bett, dass sie es heute geschafft hatten, sich eine Portion von dem begehrten Gurkensalat zu sichern.

Wie komme ich jetzt also auf die Idee, dass, wenn wir nur zu zweit sind, ich das Recht hätte, gleich die Hälfte der Erdbeeren usurpieren zu wollen? Da fehlt es an der Dankbarkeit und der Wertschätzung dem Lebensmittel gegenüber. Und es ist ja auch nicht so, dass er ein Herz aus Stein hätte: Nach mehreren Bitten gab er mir noch fünf halbe Erdbeeren zusätzlich mit dem Hinweis: „Jetzt muss es aber wirklich genug sein!“ Und was soll ich sagen: Die schwer herausgehandelten Erdbeeren schmeckten wirklich lecker. Es kommt ja nicht darauf an, wieviel man hat, sondern wie sehr man es genießt. Wie bin ich froh, dass er mir das noch rechtzeitig gesagt hat. 🙂

 

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Sei dankbar - Glosse von Ruth Hanke

Sei dankbar!

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