Resteverwertung

Mein Opa teilte seine Stofftaschentücher in vier Kategorien ein: Die „Neuen“, die „Guten“, die „guten Kaputten“ und die „für daheim“.

Die „Neuen“ befanden sich noch in der Packung, in der er sie geschenkt bekommen hatte. Die „Guten“ wurden gewaschen, gestärkt und von ihm persönlich gebügelt, das heißt mit einem feuchten Lappen so lange geplättet, bis sich auch das kleinste Fältchen auf Nimmerwiedersehen verabschiedet hatte und zierten ab da als Einstecktuch die Brusttasche des Jackets. Die „guten Kaputten“ wurden genauso behandelt und außer Haus als Taschentücher benutzt. Dagegen wurden die fadenscheinigen, fransigen Läppchen, die er zuhause verwendete, nur straff aufgehängt und akkurat zusammengelegt; offenbar hatte er verstanden, dass man weitere Verschönerungsprozesse dem Stoff nicht mehr zumuten konnte.

„Warum kaufst du dir keine neuen?“, fragte ich ihn mit der Ungeduld meiner 17 Jahre. „Ich hab doch genug neue,“ antwortete er, während er mir die unangebrochenen Packungen in seiner Anrichte zeigte. „Gut! Warum schmeißt du dann diese Lumpen nicht weg?“ Er richtete sich auf und sah mich an, als ob er an meinem Geisteszustand zweifelte. „Was? WEGSCHMEISSEN?! Aber die sind doch noch GUT!“

Obwohl nicht in direkter Linie mit meinem Opa verwandt, tutet mein Mann Randolf ins gleiche Horn. Nie vergessen werde ich z. B. seinen Anblick in einem weißen Trenchcoat, den er von einem Onkel geerbt hatte, der 15 Zentimeter größer und etliche Kilo schwerer war: Der Mantel reichte dem Randolf fast bis zu den Knöcheln und die üppige Weite musste in der Taille von einem Gürtel notdürftig zusammengehalten werden. Er sah aus wie ein Schneemann zu Fuß, behauptete aber, er könnte so einen GUTEN Mantel nicht einfach wegwerfen. Auch die Nadelstreifenanzüge desselben Onkels trug er unverdrossen zu Geschäftsterminen, was meiner Meinung nach allenfalls an Faschingsdienstag durchgegangen wäre.

„Dieser Anzug passt dir nicht“, wandte ich ein. „Was werden deine Geschäftspartner denken?“ „MIR passt er!“, behauptete der Randolf, „Wie angegossen! Wenn IHNEN was nicht passt, sollen sie es sagen!“
Die Frage ist: Sind die Dinge für den Menschen oder ist der Mensch für die Dinge da? Was ist ein positives Vorbild verantwortungsvoller Resteverwertung und was eher ein starrsinniges Festhalten an altem Müll?

Dass ich in der Küche keine angeschlagenen Schüsseln und Tassen ohne Henkel haben will, ist für den Randolf ein Indiz dafür, dass Frauen dazu neigen, sich über Kleinigkeiten aufzuregen. Er dagegen tritt den mutigen Beweis dafür an, dass Charisma und Überzeugungskraft nicht von einem Anzug abhängen. Das ist auch so. Schließlich sah er bezaubernd aus, ein bisschen ulkig vielleicht, aber bezaubernd. Tatsächlich hat sich auch noch nie ein Geschäftspartner über seinen Anzug beschwert, höchstens mal die Sekretärin seiner Firma, aber Frauen … siehe oben.

Dass er wirklich über solche Äußerlichkeiten erhaben ist, beweist er dadurch, dass er die Anzüge, die mein Bruder für ihn maßschneidern lässt mit genau der gleichen Nonchalance trägt wie damals die geerbten von Onkel Achim.

Was macht einen Mann aus? Das, was die anderen denken? Nach der neuesten Mode gekleidet sein? Aber nebbich! Es gilt vielmehr dem Wind des Lebens die unerschrockene Stirn zu zeigen und vor allem: Geistige Unabhängigkeit zu bewahren.

MAN lässt sich also lieber wie Odysseus am Mast festbinden, als sich von den Sirenenklängen des Konsums und Konformismus vom Kurs abbringen zu lassen und FRAU will neue Tassen haben. Einverstanden, dachte ich, der eine isst gern Wurst, der andere grüne Seife, bis meine Schwiegermutter mich auf meine Hausschuhe aufmerksam machte:

„Weißt du eigentlich, dass man von schiefgelaufenen Absätzen kranke Füße kriegt?“ Ich betrachtete konsterniert meine Lieblingshausschuhe. Schiefgelaufene … also, vielleicht ein bisschen, am rechten Schuh war die Schnalle kaputt und aus dem Korkfußbett lösten sich ein paar Brösel ab, aber sonst?
„Hör mal!“ meinte ich kämpferisch. „Sie sind superbequem, halten noch zehn Jahre und … und überhaupt: Die sind doch noch GUT!“

Wahrscheinlich hatte mein Opa doch recht, der immer gesagt hat:

„Der größte Reichtum ist ein Mangel an Bedürfnissen.“

 

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Resteverwertung - Glosse von Ruth Hanke
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