Ostereier

Als ich in der ersten Klasse war, sollten wir am Tag vor den Osterferien sechs ausgeblasene Hühnereier in den Unterricht mitbringen, um sie als Geschenk für unsere Eltern künstlerisch zu bemalen. Ich freute mich sehr darauf. Zeichnen und malen war für mich keine gleichgültige Nebenbeschäftigung, sondern eine unschätzbare Möglichkeit, meine Gefühle und Gedanken zu zeigen, genauso wie mein Geschick und Farbempfinden unter Beweis zu stellen. Ich malte mit großer Konzentration drauf los. An einem Ei wollte ich das Märchen vom Rotkäppchen darstellen und hatte es auch schon fast fertig: Den dunklen Wald, die bunten Blumen und das Rotkäppchen mit der roten Mütze, gerade malte ich noch mit großer Sorgfalt die Schuhe des Mädchens, da knirschte das Ei unter meinen Händen und zerbrach! Ich musste es aus Versehen zu fest angefasst haben. Ich fühlte mich wie vernichtet: Mein schönes Ei! Die Lehrerin musste mich trösten und ermahnte mich, etwas schneller zu malen. Ich bemühte mich sehr darum. Trotz verstärkter Vorsicht zerbrach an diesem Vormittag noch ein weiteres Ei, was mich wieder den Tränen nahe brachte.

Immerhin: Vier schön bemalte Eier hatte ich gerettet und freute mich, sie meiner Mama zu zeigen. Ob sie wohl erkannte, was ich hatte darstellen wollen? Den Osterhasen und die Blumen, das tapfere Schneiderlein, auf einem hatte ich sogar einen Christbaum gemalt. Wir trugen damals in der Grundschule Hausschuhe und als ich die Schuhe wechselte, legte ich den Pappkarton mit den Eiern neben mich. Ich zog gerade den Mantel an, als eine Frau mit Pfennigabsätzen an mir vorbeidrängte und auf den Karton stieg. Es knirschte furchtbar. Ich stürzte hin und sah, dass zwei weitere Eier vollständig kaputt waren. „Oh, pardon“, meinte sie ungerührt und ging einfach weiter. Das Gefühl ultimativen Unglücks überrollte mich wie eine Welle. Meine Freundinnen versuchten mich zu trösten, ich wollte mich ja auch zusammennehmen, aber es kamen immer wieder neue Tränen.

Schließlich stand ich vor dem Schulgebäude und blinzelte in die Aprilsonne. „Schau Mal“, meinte der Hansi, ein Junge aus unserer Nachbarschaft mit seinem unverwüstlichem Lächeln: „Ich hab gar keins mehr. Alle kaputt!“ „Echt?“ Ich versuchte mir gerade das Ausmaß dieses Unglücks vorzustellen, aber er wirkte so heiter wie immer. Aber genau in dem Augenblick war mir, als ob er trotz seiner lustigen Augen und der Hand, die er lässig in die Hosentasche gesteckt hatte, doch furchtbar gern ein Ei mit heimgebracht hätte – wenigstens eins. Spontan öffnete ich den lädierten Eierkarton und gab ihm ein Ei von meinen restlichen beiden. „Oh – danke!“, strahlte er und ich spürte, wie es mir langsam besser ging.

Ich machte zum ersten Mal die Erfahrung, dass auch wenn man wenig hat, wird es mehr, wenn man es teilen kann.

Später fragte ich ihn, was seine Mama gesagt hätte, weil er nur ein Ei zurückgebracht hatte. Er grinste und hielt mir einen Kaugummi hin: „Sie hat gesagt: Hansi, du kannst aber schön malen.“

 

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Ostereier - Glosse von Ruth Hanke
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