Nur keine Angst!

Es war Nacht und das Klagen meiner Kleinen riss mich aus dem Schlaf: „Mama, eine ganz große Spinne ist in meinem Zimmer, was machen wir denn da?“ Der Randolf war auf Dienstreise, ich stand also auf und folgte ihr die Treppe hinunter. Tatsächlich: Ein großes schwarzes Spinnen-Exemplar saß bedrohlich an der Wand über ihrem Bett.

„Franziska, keine Angst!“, sagte ich energischer, als mir zu Mute war und hoffte, sie würde kein unterschwelliges Zittern in meiner Stimme hören. „Die Spinne hat mehr Angst vor dir als umgekehrt!“ Und mit der Technik, die ich vom Randolf abgeguckt hatte, mit Glas und Pappe, beförderte ich das Tier ins Freie. Was dann passiert ist? Nichts natürlich. Mit zunehmender Übung stand ich Spinnen gelassener gegenüber. Meine Kleine hatte auch gewaltig Angst vor Spritzen. Kerngesund wie sie war, konnte sie um den Arzt viele Jahre einen Bogen machen, so dass die Spritzenphobie weiter im Untergrund ihres Wesens schlummerte. Bis dann ihr Kater krank wurde und Infusionen brauchte, die wir ihm selbst geben mussten. Das vertrauensvolle Katzentier lies das gutwillig mit sich machen, während wir ihn tröstend streichelten, es ging ihm hinterher auch besser, aber Franziska war reichlich blass um die Nase, wenn diese Prozedur um war. Inzwischen geht sie regelmäßig zum Blutspenden und lässt sich unerschrocken impfen, ohne in Ohnmacht zu fallen. Absolut NIEMAND außer dem geliebten Kater wäre im Stande gewesen, sie zu einem Kontakt mit der Spritze zu bewegen.

Es gibt tief sitzende und auch nachvollziehbare Ängste, wie die Angst vor Prüfungen oder vor einem Krankenhausaufenthalt. Es gehört manchmal auch gerade Mut dazu, sich seine Angst einzugestehen. Mit einem nahen Menschen darüber zu sprechen, spendet Hilfe und Trost. Trotzdem kann es sinnvoll sein, sich nicht von seinen Ängsten an die Wand drücken zu lassen, sondern aktiv darauf zuzugehen. Mir hat immer die Vorstellung geholfen, dass sich Ängste tatsächlich benehmen wie der Scheinriese „Tur Tur“ in „Jim Knopf und der Scheinriese“ von Michael Ende:
Je näher man ihm kommt, desto kleiner wird er. Also: Lassen wir uns nicht ins Bockshorn jagen, sondern drehen den Spieß um! Auch innere Blockaden kann man unschädlich machen, denn wie wir aus der Werbung wissen:

„Nichts ist unmöglich!“

 

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Nur keine Angst! - Glosse von Ruth Hanke

 

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