Mitgefangen, mitgehangen

Mein Kollege, mit dem ich in die Arbeit fuhr, wenn der Randolf auf Dienstreise war, hielt mit ordentlichem Tempo auf die grüne Ampel zu. Im Stadtgebiet, das wusste ich, hätte er zwar nicht so schnell fahren dürfen, aber er wollte es offenbar noch bei Grün über die Ampel schaffen. In dem Moment, als wir gerade über die Ampel fahren wollten, sprang sie tückischer Weise auf Gelb um.

Mein Kollege stieg in die Eisen und legte eine Vollbremsung hin, dass ich nach vorne geschleudert wurde und, wäre nicht der Sicherheitsgurt gewesen, mit Karacho gegen die Windschutzscheibe gekracht wäre.

„Bist du verrückt?“, stotterte ich. „Warum fährst du nicht weiter?“

„Weil das verboten ist!“, erwiderte er ungerührt.

„Aber dann fahr halt etwas langsamer“, schlug ich vor.

„Nein“, entgegnete er. „Ich will ja noch rüberkommen.“

In diesen und ähnlichen Momenten habe ich oft bedauert, keinen Führerschein zu haben (aus Gründen mangelnden Räumlichkeitsgefühls) und also auf die Fahrkünste meiner Mitmenschen angewiesen zu sein.

Ein Verwandter brach mit seinem Audi durch den Verkehr wie mit einem Panzer durch das Gelände, raste bei Rot über die Ampel und hupte stattdessen.

„Das macht man in Frankreich immer so“, klärte er mich auf. Er überfuhr Verkehrsinseln und schnitt die Kurven so rigoros ab, dass wir mehrmals über die Bordsteinkanten hoppelten. Es war auf dem Heimweg von Franziskas Taufe und ich weiß noch, dass ich in meinem Inneren betete, diese Autofahrt der Kleinen möchte nicht ihre letzte sein.

Mein eigener Vater hat hinwiederum vor jedem Kreisverkehr nicht nur gehalten, auch wenn außer uns überhaupt kein anderes Auto da war, sondern mehr oder weniger geparkt, um erst einmal mit sich zu Rate zu gehen. Jedenfalls zog er die Handbremse an, die er später nur nach längerem Gehupe hinter uns und sehr zögerlich wieder löste.

Der Mann einer Freundin fährt so unruhig, ja schlingernd und überdies so unnachvollziehbar Auto, dass mir spätestens nach 50 Sekunden speiübel wird, ich kann nichts dagegen tun.

Der Beifahrersitz ist die ultimative Prüfung von Contenance und Charakterfestigkeit, wenn der Ehemann bei 180 Stundenkilometer auf der Autobahn seine Schnürsenkel zubindet oder schnell noch seine Kontoauszüge prüft, ein halbes Hähnchen mit Kartoffelsalat futtert, während er – dann aber über Autotelefon, das muss man ihm lassen! – ein wichtiges, strategisches Gespräch mit Professor Sauerbier führt. Verständlich, dass die meisten den Beifahrersitz wie ein vorgezogenes Fegefeuer vermeiden.

Dabei könnte man soviel für die Umwelt tun, wenn man versucht, die notwendigen Fahrten ein bisschen zusammenzulegen. Es gibt inzwischen Mitfahrerzentralen, die Zeit, Geld und Abgase sparen, aber auch im alltäglichen Bereich lohnt es sich nachzufragen, ob man nicht zusammen einkaufen, eine Spritztour machen oder auf den Friedhof gehen will. Denn ich habe dadurch auch Freunde kennengelernt und ihre Fähigkeiten im Verkehr ehrlich bewundert. Mein Freund Robert fährt mit seinem Rennauto so elegant und sicher, dass es eigentlich mehr ein Schweben als ein Fahren ist und eine Freundin kann derart effektiv und einfallsreich Autofahren und dabei völlig entspannt lustige Geschichten erzählen, dass jede Minute mit ihr unterwegs die reine Freude ist.

Meine Freundinnen haben für mich eingekauft, wenn der Randolf nicht da war, das Rezept von der Apotheke geholt und den Kater zum Tierarzt gefahren, aber ihre Kinder haben bei mir Mittag gegessen; ich habe Nachhilfe gegeben, bei Hausaufgaben und Festveranstaltungen geholfen. Am Ende hatten wir alle Zeit und Nerven gespart.

Vielleicht ist es doch nicht so schlimm, wenn man manchmal auf jemand anderen angewiesen ist.

 

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Mitgefangen, mitgehangen - Glosse von Ruth Hanke
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