Kanonen und Spatzen

Ich war als junge Frau beim Gesundheitsamt, um nach einer Lungenentzündung meine Lunge röntgen zu lassen. Dabei hat mir der diensthabende Arzt diese Geschichte erzählt:

Ein 43-jähriger Mann war überzeugt, an Lungenkrebs erkrankt zu sein und ließ sich von einem Facharzt röntgen. Da das Röntgenbild keinerlei Auffälligkeiten zeigte, schlussfolgerte unser Mann, dass der Arzt keine Ahnung hätte und wechselte den Arzt. Bei dem Neuen war es aber wieder dasselbe. Innerhalb eines Vierteljahres ließ sich der Patient elf Mal die Lunge röntgen, bis schließlich doch ein Befund festgestellt wurde: Nicht Lungenkrebs, sondern Lungenzersetzung als Folge übermäßiger Röntgenstrahlung, an der unser Mann dann auch gestorben ist. Seitdem gäbe es, erklärte mir der Arzt, eine Datenbank, mit deren Hilfe die Röntgendosis des Einzelnen kontrolliert würde. Man dürfte immer noch so oft den Arzt wechseln, wie man wollte, sich aber nicht unendlich oft röntgen lassen.

Uti, non abuti! Gebrauchen, nicht missbrauchen, sagt ein lateinischer Merksatz.

Tatsächlich ist es oft gar nicht einfach, für Problemlösungen das rechte Maß zu finden. Das geht bis in politische Bereiche hinein. Ein sachlich-ruhiges Gespräch über öffentliche Angelegenheiten wird immer seltener, stattdessen geht es vielen nur noch darum, die Andersdenkenden wortreich zu verunglimpfen, nach dem Motto: Wenn einer nicht meiner Meinung ist, ist er ein Faschist, Populist, Schmarotzer und Lügner, ein Terrorist oder mindestens ein Ahnungsloser mit Tomaten auf den Augen.

Der Unterschied zwischen verhandeln und streiten, zwischen diskutieren und beleidigen verkommt in der großen Schlacht des Rechthabens immer mehr zur Nebensache.
Dabei ist die Verhältnismäßigkeit der Mittel von entscheidender Bedeutung im Umgang miteinander; das gilt für die Mitglieder der Familie, die Nachbarschaft, für den Umgang der Staaten untereinander, bei denen es auch nicht klug ist, ideologischer Unterschiede wegen gleich einen Krieg anzufangen oder auch nur damit zu drohen. Denn durch Drohungen und Beleidigungen verletzt man das Gemeinschaftsgefühl, wodurch eine Heilung des Verhältnisses immer unwahrscheinlicher wird.

So wie unser Patient, der durch wiederholtes Röntgen seine Gesundheit retten wollte und sie dadurch gerade ruinierte, so versuchen manche Politiker mit Drohgebärden den Frieden zu erhalten und erreichen das Gegenteil.

Es wäre manches besser, wenn sie sich für ihre Politik das nicht übertriebene Handeln meines früheren Hausarztes, Dr. Kleber, zum Vorbild nehmen würden.
Ich konsultierte ihn wegen Kopfschmerzen.

Ruth: Herr Doktor, ich habe die totalen Kopfschmerzen im Hinterkopf, wahrscheinlich ein Gehirntumor.

Doktor: Machen Sie darüber keine Witze!

Ruth: Woher wollen Sie wissen, dass ich keinen Gehirntumor habe?

Doktor: Haben Sie Gleichgewichtsstörungen, Sprachprobleme, Bewusstseinsstörungen, Gesichtsverlust…?

Ruth: Was ist denn: Gesichtsverlust?

Doktor: Wenn Sie es hätten, wüssten Sie es.

Ruth: Vielleicht Hirnhautentzündung?

Doktor: Nein, Encephalitis ist es auch nicht. Haben Sie Ohnmachten, hohes Fieber, Delirium, Schüttelfrost?

Ruth: Muss man denn immer alle Symptome haben?

Doktor: Aber vielleicht eins?

Ruth: Herrschaft! Dann sagen Sie mir, wo die Kopfschmerzen herkommen!

Doktor: Sie waren erkältet und sind drei Tage im Bett geblieben. Von allen ungesunden Betten, die ich kenne, gewinnt Ihres den zweiten Preis! Kaum sitze ich auf der Bettkante, liege ich auch schon neben Ihnen, so weich ist die Matratze. Und weil diese Hängematte noch nicht genügt, türmen Sie noch vier dicke Kopfkissen darauf. Dadurch wird die Wirbelsäule verbogen, der Schmerz des gestauchten Halswirbels strahlt in den Hinterkopf hinauf.

Allerdings hat Ihre Wirbelsäule die ideale S-Form, also in ein, zwei Tagen hängt sich das wieder aus.

Ruth: Und bis dahin? Was sollen wir tun?

Doktor: Werfen Sie drei Kopfkissen raus und versuchen Sie, auf einem zu schlafen.

Ruth: WAS?!

Doktor: Es mag Ihnen ungewohnt vorkommen, aber Sie könnten dadurch schon morgen schmerzfrei sein.

Ruth: Das ist ja die Höhe! Sie unternehmen also gar nichts. Aber WENN die Schmerzen übermorgen nicht verschwunden sind, dann sehen Sie mich wieder!

Doktor: Ich bitte darum.

Ruth: Gut! Wir werden ja sehen!

Der Vorteil diese Therapie: Ich war wirklich am nächsten Tag schmerzfrei.

Und der Nachteil: Kaum einem gefällt es wirklich, wenn er nicht Recht hat.

 

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Kanonen und Spatzen - Glosse von Ruth Hanke
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