Hanky Style: Zwischen den Zeilen

Die Autobahn, zweispurig, war auf der rechten Seite ausschließlich von Lastwagen besetzt; sie fuhren im Schnitt 100 km/Std. Auf der linken Spur dagegen fuhren alle schnelleren Autos, also die meisten. Trotzdem konnte man nicht wirklich schnell fahren, weil man sich auch auf kleinere Transporter, Familienkutschen und Mini-PKWs einstellen musste.

Aber jetzt war endlich frei und der Randolf hatte auf den letzten Kilometern auf nahezu 200 km/Std. beschleunigt. Plötzlich löste sich vor uns ein großer Lastwagen mit Anhänger aus der rechten Spur und machte Anstalten auf die Überholspur zu wechseln, um die anderen LKWs bei einer Geschwindigkeit von etwa 105 km/Std schön langsam zu überholen.

Der Randolf hätte heftig bremsen müssen, aber das tat er nicht. Er hupte vielmehr heftig und behielt sein Tempo bei, ja, mir schien, er beschleunigte noch. Der Lastwagenfahrer hupte auch, musste aber, wenn er keinen dramatischen Unfall riskieren wollte, wieder in seine rechte Spur zurück.

Allerdings schlingerte der Anhänger gefährlich auf meine Seite zu, ich schrie auf und sah schon vor mir, wie das tonnenschwere Anhängerungetüm die Beifahrerseite durchbrechen würde.

Als wir endlich vorbei waren, war ich starr und bleich vor Schreck.

Ich erzählte von diesem Erlebnis im Familienkreis während des Mittagessens und der Randolf schwächte ab: „Lebensgefährlich? Nie und nimmer! Das war eine ganz normale Verkehrssituation!“ Ich lachte spöttisch: „Genau! Denn auch im normalen Verkehr sterben hin und wieder Leute!“, verdeutlichte ich und fügte erklärend hinzu, denn der neue Freund meiner Tochter Franziska, der Richi, saß mit am Tisch: „Ganz normale Verkehrssituation – das heißt bei uns: Durch ein Zusammenwirken aller Schutzengel ist man gerade nochmal mit dem Leben davongekommen.“

„Sie übertreibt!“, rief der Randolf. „Du wirst noch sehen: Sie hat eine blühende Phantasie!!“ „Legendenbildung!“, erwiderte ich. „Wenn das Wort Legendenbildung auftaucht bedeutet das: Haargenau so ist es gewesen.“ Die Kinder lachten, nur der Richi blinzelte etwas verwirrt.

„Wie hat euch der letzte Tatort gefallen?“, erkundigte sich jetzt die Susi.

„Erinnere ich mich nicht“, murmelte der Randolf und ich steuerte ein temperamentloses: „Naja“ bei. „Au weh!“, übersetzte die Franziska für ihren Freund: „Das heißt: Es war langatmig und konfus im Plot, unnötig brutal und ordinär in der Darstellung, die Kamera schwankte wie ein Betrunkener auf hoher See, der Papa hat trotz Hörgeräten kaum was verstanden und das Motiv war derart primitiv und vorhersehbar, dass der Autor der Mama nicht bei Nacht begegnen sollte.“

Wir besprachen den neuesten Abgasskandal, bei dem sich nicht nur herausgestellt hatte, dass es schon ein ziemlich alter Abgasskandal war, sondern dass die kriminelle Energie der Beteiligten auch dazu gereicht hatte, der Verwirklichung dieser guten Idee noch mit ein paar Millionen Boni für sich selbst nachzuhelfen. Der Randolf rundete die Diskussion mit einen trockenen: „Faszinierend!“ ab, dem vernichtendsten aller seiner Urteile.

Schließlich waren alle satt, nur der Richi futterte weiter und der Randolf tat ihm unentwegt neue Fleischklöße auf, reichte ihm Salat, Gemüse, Kartoffeln. „Ich esse euch ja alles weg“, wehrte der Richi ab und sah suchend in die Runde. „Will einer von euch noch Fleischklöße?“

Allgemeines Kopfschütteln. „Komm jetzt!“, ermutigte ich ihn. „Iss ordentlich, wir mögen keine Reste.“ Er neigte sich hilfesuchend zu Franziska: „Das heißt…?“ flüsterte er.

„Verputz es!“ Was er tat und nach dem Eis mit Erdbeeren, war er dann, – er sagte es wenigstens – einmal wirklich richtig satt.

 

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Hanky Style: Zwischen den Zeilen - Glosse von Ruth Hanke
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