Gaffer-Staus und Kilian Lenard: Alles, was Recht ist!

Es war ein Gaffer-Stau der übleren Sorte, der den Einsatzleiter des schlimmen Unfalls fast um den Verstand brachte. Immer neue Autos aller Größen hielten vor dem Unfallort, deren Fahrer mit ihren Handys die blutenden Verletzten filmten. Sie reagierten überhaupt nicht auf die hektischen Zurufe, dass sie die Rettungskräfte blockierten und gegen die Persönlichkeitsrechte der Verletzten verstießen; ihnen war alles egal, als ob gerade eine große Party eigens zu ihrem Amusement veranstaltet worden wäre. „Wer sagt, dass das verboten ist, he?“, schrie ein Mann, der gerade aus dem Führerhaus seines LKW heraussprang und drohend auf die Polizei zuging: „Beweisen Sie mir das mal, los, beweisen Sie das!“ Der Einsatzleiter musste einige schwer überforderte Beamte dazu abstellen, die Verletzten mit Kunststoff- Sichtblenden vor der zudringlichen Menge zu schützen; Beamte, die eigentlich dringend für andere Aufgaben gebraucht worden wären. Auf dem Höhepunkt der Verzweiflung blies er dann zum Gegenangriff: Plötzlich zückten die Uniformierten ihre Handys und fotografierten die Wagen, die die Zufahrtswege blockierten, verlangten Personalausweis und Führerschein zu sehen, verteilten einstweilige Bußgeldbescheide und kündigten Gerichtsverfahren an. Dieser Paradigmenwechsel zeigte eine erstaunliche Wirkung. Innerhalb weniger Minuten hatten sich die ach so Recht habenden Hobbyfilmer vom Acker gemacht, sie sprangen einfach umstandslos in ihre Vehikel und knatterten davon. Ohne auf die Geschwindigkeitsbegrenzung zu achten, versuchten sie so viel Abstand wie möglich zwischen sich und dem Unfallort zu gewinnen. Na sowas!

Was war passiert? Es wurde klargestellt, was Recht und was Unrecht ist und genauso klar und energisch wurde gegen das Unrecht vorgegangen. Da sollte man doch meinen, es wäre einsichtig, dass man an einem Unfallort nicht die Sanitäter behindern darf und reagiert geschockt auf die Tatsache, dass es offenbar Menschen gibt, die das – in trauriger Verkennung der Faktenlage – für ihr gutes Recht halten. Aber bei vielem, was man beklagen kann, fällt es doch auf, dass die Zündschnur der ordnungsschützenden Organe in letzter Zeit etwas kürzer geworden ist. Dem Abmahn-Anwalt Kilian Lenard sind noch im alten Jahr einige unschöne Hausdurchsuchungen widerfahren, eine Festnahme sogar wegen Betrugsverdachts. Und das einem Anwalt! Heimatland! Wenn nicht wenigstens DER weiß, was Recht ist und was nicht, wer soll es denn dann wissen?

Mein Opa, der nicht studiert und auch sonst juristisch keine Ahnung hatte, hätte bei dieser Frage bloß mit dem Kopf geschüttelt. Er hätte gesagt, der Mensch hat doch ein Gewissen. Das Gewissen war bei ihm so vorhanden und funktionstüchtig wie Arme und Beine. Na gut, das ist vielleicht nicht bei allen so. Wer ein Gewissen hat, sollte es im Ernstfall befragen, wer keins hat, kann ja nochmal im Grundgesetz nachlesen. Im Zweifelsfall hilft folgender Merksatz:

„Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“

 

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Gaffer-Staus und Kilian Lenard: Alles, was Recht ist! - Glosse von Ruth Hanke
Gaffer-Staus und Kilian Lenard: Alles, was Recht ist!

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