Fake News

Unser Deutschlehrer in der BAS teilte Blätter aus, es war die Kopie eines Aufsatzes aus der Zeitung und hieß: „Sprache und Politik“ von Dr. Hans Stercken.
Wir hatten Zeit zum Durchlesen, danach wollte er unsere Meinung wissen. „Worum geht es hier? Pfister!“ Wie immer zuckte meine Nachbarin leicht zusammen, wenn ihr Name aufgerufen wurde. „Äh … keine Ahnung.“, stotterte sie. „Lesen Sie die Überschrift, Pfister!“

„Sprache und Politik!“ „Genau! Es geht also um …“ „Sprache und Politik“, wiederholte meine Nachbarin. „Es geht“, präzisierte unser Deutschlehrer. „ …um den ZUSAMMENHANG zwischen Sprache und Politik.“ Da meldete sich in der letzten Reihe ein Schüler. „Entschuldigung! Wo steht denn hier das Wort „Zusammenhang“?“

Auch wenn es nirgendwo steht, dürfte inzwischen klar sein, dass es einen elementaren, geradezu gefährlichen Zusammenhang gibt zwischen Sprache und Politik.
Neben Büchern, Pausenbrottüten und Zetteln mit Eselsohren förderte Franziska, als sie in der achten Klasse war, ein sehr neues dunkelblaues Federmäppchen aus den Tiefen ihres Schulrucksacks. „Neu?“, fragte ich. „Wo hast du es her?“ „Gefunden“, lautete die Antwort. „Wo gefunden?“, erkundigte ich mich. „Unter der Bank im Physiksaal.“ „Das ist nicht gefunden, sondern geklaut!“ erwiderte ich. „Ach, Mama! Soll es vielleicht weggeschmissen werden? Das kommt doch höchstens in die Schlamperkiste und da guckt nie ein Mensch rein.“
„Jetzt sag nur noch, es geht um Wiederverwertung, um die Umwelt, ja?“ wollte ich wissen.

„So … ähnlich.“

„Aha, wie sich die Begriffe ändern: Eine Elster würde das, glaub ich Nestbau nennen, im Krieg hieß es „beschaffen“ oder „organisieren“, es ist aber „stehlen“, fertig –aus!“
Bei der Mafia ist „sich um ein Problem kümmern“ gleichbedeutend mit „jemanden ermorden“ und im aktuellen Internetjargon bedeutet die Wortkombination „alternative Wahrheit“, dass die Wahrheit nicht einmal mehr in homöopathischen Dosen enthalten ist, es heißt auf deutsch gesagt: Absolut, dreist und unverschämt gelogen!

Am Anfang kann man noch darüber lachen, aber wir verändern unser Denken, wenn wir uns auf die falschen Begriffe einlassen. Das Wort „Herdprämie“ z.B. hat in einer abwertenden Art suggeriert, eine Frau, die ganztags einen Herd betätigt oder bewacht, würde dafür vom Staat eine Art „Prämie“ kassieren. Es ging aber um die finanzielle Unterstützung von Müttern, die Zeit und Kraft in die Erziehung ihrer Kinder investieren wollten. Dazu muss man da und gegenwärtig sein, denn Erziehung ist Beziehung. Erziehung ist auch etwas anderes als nur Betreuung. Zur Erziehung gehört Selbstdisziplin, Einsatz, Einfühlungsvermögen, Hingabe und die Kunst das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden zu können. Mit dem Wort „Herdprämie“ soll diese Leistung herabgewürdigt werden, indem unterstellt wird, es handelte sich gar nicht um wirkliche Arbeit.

Diesem Trend entgegen zu steuern, erfordert von uns allen ein verstärktes kritisches Denken falschen Begriffen und reißerischen Neuigkeiten gegenüber; die Mühe, nachzuforschen und sich zu vergewissern.

Aber das ist ein notwendiger Dienst an der demokratischen Freiheit, in der wir leben, dass wir uns nicht leichtfertig etwas aufschwatzen lassen, sondern uns sorgfältig unsere Meinung bilden. Dann haben wir auch das Recht, die Dinge zu nennen, wie sie sind: Die Unwahrheit ist die Unwahrheit, sonst nichts.

Die eleganteste Methode mit Fake News fertig zu werden, hat mein Vater gewusst, der sich an die drei Siebe des Sokrates hielt. Wenn eine Nachricht nicht erwiesenermaßen „wahr“, „gut“ und „nützlich“ war, hat er keinen Handlungsbedarf erkannt, sie weiterzugeben. Flächendeckend angewandt würde mit dieser Methode jeder bösartige Klatsch schon im Anfangsstadium verenden.

„Heute“, erzählte Franziska. „hab ich den Typ, dem das Federmäppchen gehört, am Getränke-Automaten getroffen. Ich wollte gerade 50 Cent herausnehmen, da hat er es an dem Stift erkannt, den er für den zweiten Platz im Mathematik-Wettbewerb gewonnen hat.“

„Allmächt!“, japste ich. Und … und was hat er gesagt?“

Sie grinste erleichtert. „Ich kann es behalten, auch den Stift, er wird ja wieder teilnehmen, hat er gesagt. Aber okay, er weiß jetzt Bescheid, so ist es mir echt lieber.“

Mir auch!

Schließlich ist heute der Spruch meiner Großmutter aktueller als jemals zuvor:

„Ehrlich währt am längsten!“

 

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Fake News - Glosse von Ruth Hanke
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