Es werde Licht!

Franziska erledigte ihre Hausarbeit mit Schwung und Enthusiasmus, das konnte man hören, erstens am Gedröhne des Staubsaugers und zweitens an den Rhythmen der „Wise Guys“, die durch ihren Kopfhörer drangen.
Sehen konnte man es eher nicht, da sie im Halbdunkel des Parterre Flurs vor sich hin saugte.

Als ich die Deckenbeleuchtung anknipste, sah sie auf.
„Du brauchst Licht!“, behauptete ich. „Wieso?“, gab sie zurück. „Der Staubsauger fährt doch über den Teppich, nicht ich, und der Staubsauger hat keine Augen.“
„Äh … Wieso nicht?“ fragte ich perplex.
„Weil er KEINE BRAUCHT, Mama!“
Aha.

Das Lichtbedürfnis der meisten Menschen unterscheidet sich so deutlich wie ihr Charakter: Während dem einen ein mickriges Teelicht für ein gemütliches Abendessen genügt, wird der andere in diesem Halbdunkel, in dem er nur mit Mühe erkennt, was er auf dem Teller hat, leicht ungeduldig. Franziska und ich lieben beide Kerzen und mögen keine grellen Deckenbeleuchtungen (einzige Ausnahme bei mir: Der Kronleuchter im Wohnzimmer, bei dem ruhig alle antidepressiven 340 Watt zum Einsatz kommen dürfen.) Aber eine Kerze, manchmal auch zwei oder drei, ist für uns der Minimalkonsens. Kaum etwas anderes symbolisiert so sehr die Zeit, die man sich füreinander nimmt, die Gemeinschaft, die man erhofft, die Ruhe, die einkehrt wie eine still brennende Kerze auf dem Tisch. Man sieht versunken in die ruhige und doch sich stetig verändernde Flamme und plötzlich ist es leicht, über alles zu sprechen, was man heute erlebt hat in der Schule, der Arbeit, im Bus und im Supermarkt.
Plötzlich löst sich der Ärger in Lachen, die Verkrampfung in Geborgenheit auf und das äußere Licht wird zum Symbol einer inneren Hoffnung: Auf einen erholsamen Feierabend, ein warmes Essen und einen verständnisvollen Menschen.

Was ist im übertragenen Sinne wichtig, um möglichst viel Licht in der Gemeinschaft zu entfachen? Wenn einer über einen wetterfesten Optimismus und „eine unzerstörbar gute Laune“ (Frieder) wie der Randolf verfügt, ist er ein Segen für die immer von Schwankungen bedrohten Gemeinschaften moderner Abenteurer wie die Fraunhofer Gesellschaft oder die Familie. Wer spratzelnd witzige Geistesblitze wie ein Sternspeier hat, kann eine trübe Stimmung aufhellen und ein charmanter Geschichtenerzähler hat schon manche Party gerettet.

Aber oft ist auch das Gegenteil für die optimale Lichtentfaltung der Gemeinschaft wichtig: Nämlich den ruhigen Hintergrund zu bilden, selbst einen Schritt zurückzutreten, damit sich alle anderen richtig entfalten können.

Besonders genial in diesem Punkt war einer der besten und motivierendsten Chefs, die der Randolf und ich jemals hatten: Dr. Norbert Bauer von der Fraunhofer Gesellschaft.
Ich weiß noch, wie ich vor seinem Schreibtisch stand und ihm darlegte, was ich mir unter einer schönen Weihnachtsfeier vorstellte, die als verbindendes Gemeinschaftserlebnis in allen noch lange nachwirken sollte und meiner Überzeugung Ausdruck verlieh, dass ein Fest umso gelungener wäre, je mehr Mitarbeiter sich aktiv daran beteiligen würden; was ich alles dafür bräuchte an Leuten, Ideen, Platz und Geld. Er lies mich ausreden bis zum Schluss, sah mich an und sagte nichts.

„Also?“, fragte ich.
„Also“, erwiderte er. „Dann machen Sie mal!“

Und ich baute die Weihnachtsfeier um ihn herum auf, um seine Rede, die er immer als sehr kurz ankündigte und die dann doch immer noch ein Stück kürzer ausfiel.
Die Kunst, mit der er sich langsam, aber nicht widerstrebend überzeugen und begeistern lies, schuf eine Atmosphäre kreativer Spannung und feuerwerkartigen Ideenreichtums, dass wir manchmal in die Arbeit rannten, als ginge es ins Freibad.

Vor allem in der Erziehung ist es wichtig im richtigen Moment zwei Schritte zurückzutreten mit seinen eigenen Überzeugungen.
Nichts schlimmer als Eltern, die immer alles besser wissen und durch mäkelige Schwarzseherei jeden Funken Begeisterung ersticken.

Meine Kleine zog gerade den Stecker des Staubsaugers aus der Steckdose.
„Die Hausarbeit ist fertig!“ verkündete sie mit der Stimme eines Menschen, der weiß, dass er Recht hat. „Du kannst jetzt in alle Ecken schauen. Das geht aber auch schneller.“ „So – wie denn?“ fragte ich.
Sie verstaute den Staubsauger im Schrank. „Vertrau mir einfach!“

Auch wieder wahr.

 

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Es werde Licht - Glosse von Ruth Hanke
Glossen von Ruth HankeEs werde Licht!

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