Endlich

Ich war etwa elf Jahre alt, als ich auf eine Freizeit in die Sommerferien verschickt wurde, die endlose 4 Wochen dauerte. Ich kannte keinen Menschen dort, war auch tatsächlich die Jüngste, hatte keine Ahnung wie eine Schnitzeljagd funktionierte, war an Pyjama-Partys im großen Schlafsaal heftig wenig interessiert und litt fürchterlich an Heimweh. Mit der Zeit gewann ich ein paar Freundinnen, ich lernte Hochbetten machen, Vögel an ihrem Zwitschern zu erkennen und während der Wanderungen: „Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm…“ zu singen. Auch diese Zeit verging und als ich wieder nach Hause kam, konnte ich es buchstäblich nicht fassen. Ich rannte die Stufen zu unserem Haus hinauf und da waren meine Eltern und Geschwister, die ich in noch nie dagewesener Freude umarmte. Das Essen meiner Mutter erschien mir wie eine kulinarische Offenbarung, ich fand meinen Bruder total witzig und meine Schwestern einfach goldig. Haus und Garten waren wie das reinste Paradies. Noch Wochen danach lebte ich in dem dankbaren Staunen, dass das meine Familie und mein Zuhause war.

Dass es daheim am schönsten ist, ist eine alte Weisheit, aber jetzt, wo das Wetter endlich so ist, dass wir rausgehen können, um die herrliche fränkische Natur zu sehen, die dunkle Schluchten, sonnige Blumenwiesen, rauschende Bäche, alte Burgen und schmucke, sehr individuelle Dörfer bietet, ist unsere Heimat besonders schön. Einen einzigartigen Reiz haben die Fachwerkhäuser und Sandsteinfassaden, die einladenden Biergärten mit dem süffigen Bier und fränkischen Spezialitäten.

In Afrika gibt es einen uralten Gruß, der übersetzt etwa lautet: „Ich sehe dich!“ Damit ist viel gesagt über unser Zusammensein als Menschen. Wir können wieder in die Cafés gehen und unsere Freunde leibhaftig sehen, nicht nur über den Videochat und in Form von SMS Bildern. Und wenn wir jetzt einander live erleben, kann es sein, dass plötzlich schon wegen Kleinigkeiten eine wunderbar übersprudelnde Stimmung entsteht, so als wäre der Sekt der Sehnsucht ganz plötzlich aus der Flasche der Situation gesprudelt wie eine silberne Quelle. Wenn wir das aus den letzten Monaten mitnehmen: Mehr Glück, mehr Lebensqualität, mehr Dankbarkeit, dass wir das alles haben – entsteht eine große Erleichterung und wir atmen tief durch: ENDLICH!

 

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Endlich - Glosse von Ruth Hanke

 

Endlich

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