Einmal Friedhof und zurück

Ich bin kein Mensch, der Proviant einpackt, nicht einmal, wenn wir nach Dänemark fahren. Ohne all die Schinkenweckle, Pfirsiche und Apfelsaftflaschen meines umsichtigen Ehegattens Randolf wäre ich aufgeschmissen. Aber an einem bestimmten Tag alle drei Wochen überkommt mich das Bedürfnis, Wegzehrung mitzunehmen; außerdem Zahnbürste, Hustenbonbons, Geldbeutel, Krankenkassenkarte, Ausweis – und eine Kapsel am Handgelenk, die die Blutgruppe (Null positiv) ausweist, da man nie wissen kann, was passiert.

Man kann es wirklich nicht wissen, denn heute fahren der Chef (das ist mein von mir so genannter Vater) und ich auf den Friedhof, was wir seit 14 Jahren regelmäßig tun. Man sagt, dass die Gewohnheit die Aufregung vermindert. Das ist in diesem Fall nicht so. Die 15 bis 18 Kilometer zum Friedhof zurückzulegen, in einem uralten, klapprigen und nur noch partiell funktionierenden VW Golf vom Chef wird zu ein immer waghalsigeres Abenteuer.

„Es ist ja nicht so weit“, versuche ich mich zu beruhigen, als ich einsteige. „Notfalls könnte man auch zu Fuß gehen – wir sind ja in der Zivilisation“.

Das ist natürlich Quatsch! Wir sind in dieser unberechenbaren Blechkiste, die macht, was sie will. Jetzt z. B., als wir losfahren, tun wir das keineswegs im Rückwärtsgang, wie der Chef gehofft hatte, sondern das vorsintflutliche Gefährt schnellt wie ein Pfeil auf die offene Garage unseres Nachbarn zu, in der frisch poliert der neue Mercedes steht. Ich schließe die Augen in Erwartung des Aufpralls, aber „Knirsch!“ – der Chef hat noch rechtzeitig die Handbremse gezogen.
So ein Wendemanöver kann zehn Minuten dauern, wenn wir keinen Daniel haben, der uns rausdirigiert. Und dass dabei der Briefkasten (Gott sei Dank unserer!) vom Gartenzaun getrennt wird, ist im Namen der guten Sache auszuhalten. Ja – anderswo ist Krieg, da fallen die Bomben durchs Dach.

Wir kommen langsam in die Gänge, im zweiten sind wir jetzt schon, gewinnen an Fahrt, der Tacho zeigt 32 schwindelerregende Stundenkilometer, mit denen wir die Landstraße nach Tuchenbach unsicher machen. Das karierte Käppi sitzt dem Chef verwegen auf der Stirn, er stiert stur geradeaus durch seine Brillengläser, ich umklammere meine Handtasche, als wir die leichte Senke zur Weggabelung hinunterrollen.

„Ruthl!“ ruft er, „kommt was von rechts?“
„Nein!“
„Schau RICHTIG!“
„Nein, nichts“.
„Kurbel das Fenster runter“.
„Frei!“
Knirsch! Er hat die Handbremse angezogen. Hinter uns halten not-gedrungen ein Traktor, ein BMW und ein VW Sharan.
„Steig mal kurz aus, Ruthl, von hier aus sieht man nichts!“
Ich öffne die Tür. Tatsächlich! Von rechts kommt ein Lieferwagen.
„Was hab ich gesagt?“, freut sich der Chef und bemüht sich, den ausgegangenen Motor wieder anzulassen. Die Herrschaften hinter uns gestikulieren wild, vor allem, weil sich aus weiter Ferne, eben-falls von rechts, ein Heuwagen nähert, der auch noch abgewartet werden muss.

„Mangelndes Gottvertrauen!“ diagnostiziert der Chef sehr zu Recht bei den anderen.
„Diese Unruhe, diese Ungeduld in der heutigen Zeit!“

Stadteinwärts fahren wir 37 Stundenkilometer und geraten unversehens auf einen Gehsteig, aber nur mit der rechten Seite, so dass der Chef und ich kurz in Schräglage geraten. Mir schießt durch den Kopf, dass wir wahrscheinlich aussehen wie im Film „Als die Bilder laufen lernten…“, oder wie aus „Dick und Doof“, davon allerdings nur das Auto.
„Ahh!“, entfährt es mir, ich versuche einen Halt zu gewinnen, der mich hindern soll, mit dem Chef zusammenzustoßen (ziemlich eng ist es natürlich auch). Aber da hat er schon geschaltet, die Federung ächzt bedrohlich und wir fahren wieder ebenerdig.

„Na so was“, meint er, „ein Gehsteig, der weiß markiert ist (wahrscheinlich um das, was uns eben passiert ist, zu verhindern), ich hab gedacht, das ist die Straßenbegrenzungslinie.“
„Ist ja nichts passiert“, japse ich und versuche, optimistisch auszusehen.

Wir gehen zum Friedhof, ich trage meine Handtasche, die Tüte mit Rechen, Gartenschere und Hacke, ziehe das Wägelchen mit der Blumenschale und versuche, mit dem Chef Schritt zu halten.

Am Grab setzt er sich meistens auf eine Bank und beobachtet die vom Wind bewegten Blätter der Birken, während ich den Nahkampf mit der Stechpalme aufnehme, die Mamherz in einer Art Privaterleuchtung auf das Grab gepflanzt hat und die seitdem macht, was sie will.

„Das sieht ja beinah nobel aus!“ quittiert der Chef meine Bemühungen. Richtig: Ein König zahlt mit einem Lächeln.
Auf dem Rückweg setzt heftiger Regen ein, der auch noch anhält, als wir aus dem Café kommen und nach Hause fahren. Die drei Fahrspuren den sehr steilen Berg über die Billinganlage zur Hardthöhe hinauf verengen sich auf wenigen Metern von drei Spuren zu zwei, schließlich zu einer. Eine sehr kurz geschaltete Ampel zwingt uns dazu, ein paar Meter Gas zu geben und dann präzise zu stoppen, während ununterbrochen der Motor ausgeht.

Der Regen rauscht, der altersschwache Scheibenwischer kommt nicht mehr mit, die Scheiben beschlagen, der Chef behauptet, nichts mehr zu sehen, hinter uns bricht ein Hupkonzert aus und mir steht der kalte Schweiß auf der Stirn.
„Gibt’s denn hier kein Gebläse für die Scheiben?“, frage ich.
„Doch, aber ich finde den Knopf nicht“, antwortet der Chef.
Ich drehe auf gut Glück an einem Knopf neben dem Lenkrad – Schwein gehabt: Das Gebläse geht an, bewirkt aber nur, dass ein winziges Guckfenster frei wird.

Den Engpass überwunden, fahren wir mit 26 Stundenkilometern heimwärts, froh, allen Katastrophen glücklich entronnen zu sein. Inzwischen regnet es nur noch normal stark, natürlich überholen uns – unschön gestikulierend – massenhaft Autos, eines sogar in der Kurve nach Bernbach, aber wir lassen uns nicht verdrießen.

„Geduld bringt Rosen“, sage ich, als ich daheim aussteige. Hinter uns kommt das Auto von meinem Sohn Daniel zum Stehen.
„Na, wie war’s in der Arbeit?“ frage ich.
„Das Problem war der Heimweg“, antwortet er mit gefurchter Stirn.
„Es ist einfach unglaublich, was ein einzelnes Auto für einen Stau provozieren kann. Hallo, Großvater! Wie geht’s?“

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