Drum genieße auch die Pausen…

Wir wollten nichts anderes als ein paar Tage ausspannen, einfach wegfahren, dahin, wo uns keiner kennt. Da sich beruflich und familiär in der letzten Zeit die Ereignisse überschlagen hatten, stand in großen schwarzen Lettern: „Bloß kein Stress!“ über unseren freien Tagen. Ohne Verabredung, Verpflichtung und Programm wollten wir spazieren gehen, Schaufenster angucken, im Café sitzen, die Natur um uns, tags die Sonne und nachts die Sterne über uns genießen. Unsere Wahl fiel auf ein fränkisches Städtchen, wo wir ein Zimmer nahmen und von dort aus gemütlich die Gegend erkundeten. Es waren idyllische Tage, ich erinnere mich an die Wärme des Sommers, die alten Sandsteingebäude, die kleinen Läden und die unvergleichliche Kartoffelsuppe, die wir auf der Hotelterrasse aßen, wenn der Mond schon am Himmel stand. Am letzten Nachmittag saß ich auf der Bank in der Nähe des Stadttores und philosophierte still vor mich hin: Wie lange, angenehm lange eine Stunde sein kann, wenn man sie einmal nicht mit irgendeiner zwanghaften Handlung zustopft, als wäre man die Hauptperson in einem amerikanischen Actionfilm. Ich war allein bis auf einen alten Mann, der eine Bank weiter da saß und Pfeife rauchte. Plötzlich hörte ich ein Auto näherkommen. Wegen des Kopfsteinpflasters konnte man nicht richtig schnell fahren; dieses Auto jedenfalls fuhr aber auch nicht direkt langsam. In dem Moment, wo es fast an uns vorbeifuhr, rannte blitzschnell eine getigerte Katze auf die Fahrbahn und blieb direkt vor dem Auto sitzen. Der Fahrer trat in die Eisen und der Wagen kam schwer quietschend, gerade noch rechtzeitig zum Stehen. Die Katze erhob sich sehr langsam, funkelte den Fahrer aus den bernsteingrünen Augen angriffslustig an und verzog sich. „Allmächt!“, japste ich, als das Auto weitergefahren war. „Das war aber knapp! Die arme Katze, fast wäre ihr was passiert!“ „Wie man es nimmt“, murmelte der Alte, der gerade seine Pfeife putzte. „Das ist unser Heinzi, der macht das immer, wenn ihm langweilig ist!“

Ich konnte das kaum glauben, aber schon bei dem nächsten Wagen, der die alte Straße entlang fuhr, rannte der katastrophensüchtige Kater wieder auf die Fahrbahn. „Herrschaft!“, stöhnte ich. „Man sagt ja, eine Katze hat neun Leben. Wenn er so weiter macht, wird euer Heinzi die auch brauchen!“ Seit dieser Zeit achte ich immer sorgfältig darauf, dass wir nur sehr langsam durch die Stadttore fahren, denn ich habe gelernt, dass die Vorstellungen von einer schönen Freizeitgestaltung bei den Menschen – und sogar Tieren – weit auseinander gehen können. Tatsächlich liegen die meinen dem des Katers diametral entgegen, ich halte es lieber mit einem Namensvetter des Katers, Heinz Erhardt, der einmal gesagt hat:

„Wenn die Autos um dich brausen mit Getön,

dann genieße auch die Pausen – sie sind schön.“

 

Hat die Glosse gefallen?
Wie hat Dir der Artikel gefallen?: 5.0 (3 votes)
Sende

 


Drum genieße auch die Pausen - Glosse von Ruth Hanke

 

Drum genieße auch die Pausen…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bewertung