Die wahre Schönheit – ganz umsonst
Ich war auf dem Gymnasium, als uns von unserem Klassenlehrer mitgeteilt wurde, dass ein bekannter Bildhauer aus der Region der Schule eine große Ehre erweisen würde: Er hatte angekündigt, im Rahmen eines Wahlfachs zwei Töpferkurse zu geben, mittwochs für die unteren Klassen, freitags für die oberen. Und das alles wollte der Künstler kostenlos anbieten, denn man hätte ihn ja auch nicht bezahlen können. Wir sollten uns zeitnah melden, denn der Kurs würde bald ausgebucht sein – und uns bitte anständig benehmen. Der Bildhauer kam mir damals sehr alt vor, schlank, fast zerbrechlich mit schwarzer Baskenmütze, eine kleine kauzige Silhouette. Ich konnte ihn mir nicht recht vorstellen als den Schöpfer solch prächtiger Tierfiguren wie den Bronzelöwen vor unserem Theater, aber wenn er lächelte sah er viel jünger aus. Ich fühlte vom ersten Moment an Vertrauen zu ihm, als ob er sich eine gewisse kindliche Unschuld bewahrt hätte in seinem langen Leben.
Im Töpferkurs wimmelte es von Mädchen und Jungs, die Aschenbecher für den Vatertag, Untersetzer für den Muttertag schufen und ich saß einfach da und unterhielt mich mit ihm, über die Frage, was ein ideal schöner Fuß wäre, ausgerechnet. Er arbeitete an der Skulptur der „Schönen Helena“ und für ein paar Stunden stand mein Fuß ihm damals Modell dafür. Bald besuchte ich auch den Oberen Klassen Kurs und ich lernte einen Menschen kennen, der niemand verurteilte, fast alles akzeptierte, der aber seinen Weg mit großer Unbeirrtheit ging. Wir sprachen viel über Formen und Farben, den Sinn des Lebens, über Liebe und Poesie. Manchmal stritten wir uns und diskutierten, dass die Fetzen flogen, dann gab er mir zum Schluss einen Pfefferminzbonbon mit seinem unverwechselbaren Lächeln.
Der Bildhauer war der erste Künstler, den ich in meinem Leben so nah erleben durfte und hatte einen wichtigen Anteil an dem Weg, den ich später gegangen bin. Er ist schon lange tot, aber er lebt weiter, nicht nur in seinen Werken, sondern auch in der Erinnerung von jungen Menschen, denen er seine Zeit geschenkt hatte: ganz umsonst.

Die wahre Schönheit – ganz umsonst
