Die Sache mit der Rose

Die Rose

Wir hörten den Schlüssel im Schloss, Dieter, ein Freund aus der Arbeit und ich.
Dieters Freundin, die ruppige Kreszentia, war heimgekommen. Schon aus dem Flur hörten wir ihre scharfe Stimme: „Dieter, hast du den Komposteimer ausgeleert?“

„Ja“, antwortete der Dieter still.
„Und den Eimer ausgewaschen?“
„Ja.“
„Und Zeitungspapier hineingelegt?“
„Ja.“
„Hallo, Kreszentia“, begrüßte ich sie. „Schau mal, die schöne Rose, die der Dieter für dich gekauft hat!“

Sie streifte die rote Rose, die in einer Silbervase auf dem Tisch stand mit einem nachlässigen Blick.
„Ach“, meinte sie. „Die verwelkt ja sowieso wieder.“

In diesem Moment wusste ich instinktiv, was sie selbst noch nicht wusste und ihr später schwer zu schaffen machen würde: Dass Dieter eine andere Frau heiraten würde.

Aber sie hat Recht: Die Rose verwelkt wieder. Nur – ist das ein Grund, sie deshalb abzuwerten?

Im Gegenteil: Es ist gerade die verwegene Aktualität, dieses zwingende, unbedingte, leuchtende JETZT, die der Rose, wie der Liebeserklärung ihre wahre Schönheit und Würde gibt.

Am besten verewigen kann man die Rose, wenn man die Spiegel einer mannigfaltigen Dankbarkeit darum aufstellt und sie dadurch von allen Seiten beleuchtet. Denn eine Liebe, in der es genug Rosen gibt und den Zauberer des Dankes, gewinnt im Augenblick die Frische der ersten Zeit und auf Dauer immer mehr Festigkeit und Kraft.

Unvergessen wird mir ein Samstag bleiben, an dem wir mit dem Einkauf fast fertig waren. Ich schob den Einkaufswagen, während der Randolf im Metzgerladen seine Bestellung aufgab. Im Arm hielt er einen Strauß mit roten Rosen.

„Die schönen Blumen“, meinte die Verkäuferin. „Sind die für Ihre Frau?“

Er nickte abwesend, dann sah er auf und sie an. Er zog eine Rose heraus und gab sie ihr. Die Verkäuferin starrte auf die Blume in ihrer Hand und wurde rot.

„Na, Hanni!“ rief die Metzgerin, „das ist aber dein Tag heute, was?“

Wenn man ein Meister des Effektiven ist, macht man mit einem Rosenstrauß gleich zwei Frauen glücklich und ist überdies noch Tagesgespräch im Metzgerladen. Denn der Randolf, der eine tiefsitzende Abneigung gegen sinnlos rausgeschmissenes Geld hat, investiert gerne in schöne Rosen.

Schließlich weiß er: Das rechnet sich immer!

 


Die Sache mit der Rose - Glosse von Ruth Hanke
Glossen von Ruth HankeDie Sache mit der Rose

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