Des Guten zu viel

Geiz ist eine der geistlichen Krankheiten, die Papst Franziskus bei der Kurie entdeckt hat, zusammen mit Klatschsucht, Hartherzigkeit und geistlichem Alzheimer.

Tatsächlich galt Geiz schon bei unseren Altvorderen als schlimme Todsünde und man muss wirklich sagen, dass es kaum eine unerotischere Eigenschaft gibt.

Ein früherer Verehrer von mir hat es einmal geschafft, jedes Gefühl in mir abzutöten, indem er im Restaurant ganze 10 Pfennig Trinkgeld gab.

Auf jeden Fall ist ein erbärmlicher Geiz aber nicht eine Eigenschaft, die man dem Robert, mit dem ich befreundet bin auch nur im Ansatz vorwerfen kann. Eines Tages fielen mir in dem normalerweise penibel aufgeräumten Parterre seines Hauses mehrere große Papiersäcke im Flur auf. Ich wollte ihn gerade fragen, ob er sich ein Karnickel angeschafft hätte, da führte er mich auf seine Terrasse und zeigte mir stolz einen Turm von eineinhalb Metern Höhe mit dem Umfang einer Litfaßsäule.

„Was ist das?“, fragte ich. „Eine Futterstation“, klärte er mich auf.

„Hier kommt jeden Abend eine Prozession von Fasanen daher, um ihr Abendessen einzunehmen. Die obere Etage ist für Singvögel aller Art, in der Mitte können Krähen, Raben, Elstern fressen und das hier ist für Eichhörnchen… es ist schon sehr gut angenommen worden, ich muss jeden Tag ein Kilo Futter nachfüllen.“ „Jetzt?“, fragte ich entgeistert. „Anfang Herbst, wo alles noch im Überfluss vorhanden ist?“ „Ja, willst du nicht, dass jemand ein leichtes Leben hat?“, gab er zurück. „Außerdem fassen so die Tiere Vertrauen zu mir, du wirst es gleich sehen.“ Er legte eine ungeschälte Haselnuss auf den Gartentisch und schon einige Sekunden später tauchte ein Eichhörnchen auf, schaute sich hektisch um, schnappte die Haselnuss und rannte davon. Er wiederholte das etliche Male, wobei das Eichhörnchen zunehmend gestresst aussah. „Hör auf!“, rief ich. „Es kriegt gleich einen Herzinfarkt! Das arme Wesen ist auf so einen Goldrausch nicht vorbereitet, du führst hier eine total unnatürliche Situation herbei – wahrscheinlich wird es bald obdachlos, weil es seinen Kobel so mit Nüssen vollgestopft hat, dass es auf der Erde schlafen muss.“
Aber in dem Fall, da war ich völlig sicher, würde ihm der ritterliche Robert selbstverständlich sein Bett anbieten.

Was bei einem Eichhörnchen noch humoristisch anmutet, ist schon bei dem, was manche Eltern mit ihren Kindern abziehen, nicht mehr lustig: Mit erschlagender materieller Verschwendungssucht – die Kinderzimmer quellen vor teurem, unnötigem Spielzeug geradezu über – und erdrückender Überfürsorglichkeit sperren sie ihre Kinder in die Mauern einer künstlichen Welt ein, wo sie sich nicht aus eigener Kraft bewähren können, sondern nur lernen bei jeder Schwierigkeit nach Mama und Papa zu schreien. So werden aus abenteuerlustigen Kleinkindern ewig unzufriedene Scheininvaliden, die sich anstatt ihre eigenen Kräfte zu erproben auf Dauer-Betreuung von außen verlassen müssen. Der Spaß am Leben geht in der Enge und Überorganisation eines solchen Erziehungsmodells natürlich auch verloren. Deshalb ist es, sowohl in der Familie wie in der Arbeit, immer wieder wichtig, deutlich zu hinterfragen:

Was ist jetzt meine Aufgabe und was nicht?

Eine gute Antwort auf diese Frage hatte unser Sohn Daniel schon mit sechs Jahren gefunden. Er saß auf einem Mäuerchen und sah zu, mit welcher Begeisterung die dreijährige Sandra einen kleinen Abhang hinunterkullerte. Unten angekommen streckte sie ihre Arme nach ihm aus: „Dany – hoch! Hoch! Tragen!“ Der Dany stützte die Hand in den Rücken und stöhnte: „Ich kann nicht! Ich hab Kreuz-Weh, komm, Sandra, komm noch ein Stück, komm schon…“ und hielt ihr die Hand hin. Unter großer Anstrengung krabbelte die Kleine hinauf, bis sie Danys Hand erreichte und er sie auf das Mäuerchen hob. Er lobte sie sehr dafür, worauf sie begeistert quietschend, den Abhang wieder hinunterrollte. Dieses Spiel wiederholte sich viele Male, bis er mit der Kleinen ins Haus kam, um ihr die kohleschwarzen Hände zu waschen und ihr ein Getränk zu geben. „Man kann sie heute bald ins Bett stecken“, grinste er Sandras Mama und mich an. „Sie wird schlafen wie ein Stein.“
 

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Des Guten zu viel - Glosse von Ruth Hanke
Glossen von Ruth HankeDes Guten zu viel

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