Der Witz

In der neunten Klasse Gymnasium kann kein Lehrer erwarten, dass sich die Schüler am Tag vor den Weihnachtsferien auf den Lernstoff konzentrieren, es erwartet ja auch keiner, weswegen unser Deutschlehrer uns Witze erzählen ließ. Mein Banknachbar Michael Schützel (Name geändert) und ich saßen ziemlich weit hinten und hatten also genügend Gelegenheit festzustellen, dass die Sache ganz und gar nicht einfach war. Das erste Problem bestand erst einmal darin, einen Witz zu erzählen, den nicht von vornherein die ganze Klasse kannte, bei dem schon nach dem ersten Satz ein allgemeines Stöhnen einsetzte und ungeduldige Rufe laut wurden, wie: „Der hat aber echt einen Bart!“ und: „Nicht schon wieder dieser alte Hut!“ Das zweite Problem war die Qualität des Witzes. Viele Witze wurden als gar nicht witzig empfunden, es lachte kaum jemand, was für den Erzähler peinlich war, manche waren zu harmlos, wobei man sich Bemerkungen wie: „Den hat wohl deine kleine Schwester aus dem Kindergarten mit heimgebracht!“ einfing.

Andere Witze waren hingegen zu ordinär, brutal, sogar menschenverachtend und daher schon an sich nicht lustig. Immer mehr stellte sich heraus, dass die Suche nach dem idealen Witz ein dorniges Gebiet war, ja, dass man sich dabei auf unsicheres Terrain begab, denn man zeigte mit dem Witz unter Umständen unabsichtlich mehr von sich, als einem lieb sein konnte. Die Reihe kam langsam an uns. Verschiedene Witze, die ich hätte erzählen wollen, waren schon vorgekommen und jetzt war mein Banknachbar Michael dran. Michael, ein mittelgroßer, sehr schlaksiger Junge war still, einfühlsam, und unsagbar schüchtern. Nur seine voluminösen, braunen Locken fielen an ihm auf. Ich hatte bis dahin ein recht gutes Verhältnis zu ihm gehabt, ich hielt ihn für einen nicht recht durchsetzungsfähigen, aber netten Kerl, der mich tröstete, wenn wieder eine Mathearbeit schiefgegangen war und mich als erster ermutigte, es beruflich mit Grafik zu probieren, weil seine Mutter, die Grafikerin war, auch immer solche Ornamente auf ihre Seitenränder malte.

Jetzt guckte er verlegen zu Boden, als er aufgerufen wurde, aber das half auch nichts. Er stand auf. „Los, Schützel!“, riefen sie. „Keine Müdigkeit vorschützeln!“ Auch dieses Wortspiel hatte einen ziemlich langen Bart, aber welchen Zwischenrufer hätte das jemals gestört?

„Also“, begann Michael, ganz blass um die Nase. „Ich kenne nur einen Witz, aber den … aber den“, stotterte er. „Den kennt ihr alle schon.“ „Nein!“, beteuerten die anderen. „Wenn er nicht schon dran war, kennen wir ihn nicht.“ „Doch!“, behauptete Michael steif und fest. „Ihr kennt ihn und dann … und dann … findet ihr ihn langweilig.“ „Nein!“, schrien wir inzwischen alle. „Niemals! Erzähl ihn einfach!“ „Na, gut!“, meinte er zweifelnd und wiegte den Kopf, dass ich Angst hatte, er würde abrupt den Mund schließen und nie wieder ein Wort sagen. „Also, drei Irre wollen aus der Irrenanstalt ausbrechen“, fing er an und in diesem Moment – wahrscheinlich nur, weil die allgemeine zugespitzte Aufmerksamkeit plötzlich so unerklärlich spannend war, fing unsere Klassenkichererbse, die Regine, an zu kichern. „Ihr kennt ihn schon!“, schrie Michael erbost. „Und wollt es bloß nicht zugeben!“ Daraufhin mussten noch mehr lachen, aber es war ein freundliches, gutmütiges Lachen. „Nein, Michael! Wir kennen Deinen Witz nicht! Erzähl einfach weiter!“

„Also – drei Irre wollen aus der Irrenanstalt ausbrechen und warten also die Nacht ab. Der erste klettert aus dem Fenster, rennt um die Ecke, scheppert in der Dunkelheit an der Mülltonne und der Wärter fragt: „Wer ist da?“ Der Irre macht: „Miau!“, der Wärter denkt, aha, eine Katze, der Irre springt über die Mauer und ist draußen.“ Aufmunterndes Gelächter belohnte ihn, aber das machte ihn misstrauisch. „Kennt ihr ihn wirklich noch nicht??“ fragte er nun schon reichlich ärgerlich und funkelte die Klasse inquisitorisch an, worauf alle in herzliches Lachen ausbrachen. „Nein, Michael, woher sollen wir denn deinen Witz kennen?“ kam es zurück und spätestens da war ich sicher, gleichgültig, ob diesen Witz der eine oder andere schon gehört hatte, jetzt hatte er ihn auf der Stelle vergessen, verbannt in die Tiefen des Unbewussten. „Wirklich nicht?“, beharrte Michael und wir schrien: „Naa-ain!!“ Die Sache war Michael reichlich unangenehm, seine Gesichtsfarbe war schon mehrmals von bleich zu rot und wieder zurück gewechselt, aber mannhaft setzte er seine Rede fort. „Mit dem zweiten war es genauso: Klettert aus dem Fenster, rennt um die Ecke, scheppert bei der Mülltonne, wer da, miau, und ist draußen. Okay?“ Er musterte uns misstrauisch, was eine erneute Lachsalve auslöste. Diesmal mischte sich der Lehrer ein. „Ja, okay, Michael, erzähl weiter!“

„Und also, der dritte“, Michaels Stimme sank zu einem verschwörerischen Flüstern herab. „Der dritte klettert auch noch aus dem Fenster, rennt in der Dunkelheit um die Ecke und dann … und dann … was passiert dann?“ Inzwischen hingen wir mucksmäuschenstill an seinen Lippen und wollten es wirklich wissen. „ Und dann .. dieser Dussel aber auch, scheppert er doch bei den Mülltonnen. Totenstille! Was, wenn der Wärter was gemerkt hat, unser Freund duckt sich an die Mauer und hört die Stimme des Wärters: „Wer da?“ Er weiß nicht, was er tun soll und da fällt ihm ein, was die anderen gemacht haben und ruft spontan: „Die dritte Katze“. Ein Sturm unbändigen Lachens brach los, als sich Michael wieder setzte, ein Lachen, teils aus Erleichterung, teils aus Amusement, so, als ob die ganze angeschnarchte, arrogante Bande mit einem Schlag hellwach geworden wäre. „Mensch, das war klasse, Schützel!“, riefen sie. „Woher kannst du so toll Witze erzählen?!“

Michael schüttelte den Kopf, als ob er die Begeisterung nicht glauben wollte, aber seitdem sah ich ihn mit anderen Augen. Ich hielt ihn nicht mehr nur für einen netten Kerl, sondern ich bewunderte ihn: seine Selbstüberwindung, seinen Mut und seine Würde. Wie viele andere hätten aufgegeben? Er war ein Klassetyp, soviel war klar, denn wer sich selbst besiegt, kann alles besiegen.

 

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Der Witz - Glosse von Ruth Hanke
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