Brille putzen!

Ich hatte gerade meinen grauen Mantel angezogen und starrte erschrocken in mein Spiegelbild. Das gab´s doch nicht! Die Ärmel waren zu kurz und vorne gingen die Knöpfe nicht zu; man konnte doch nicht in einer Woche so viel zunehmen! Hinter mir im Spiegel erschien das Gesicht von Kathi, der Freundin meines Sohnes, die amüsiert grinste. „Er passt nicht mehr!“, klagte ich. „und der Stoff ist abgewetzt, das war doch ein teurer Mantel, nagelneu!“ „Naja“, meinte sie. „Ich habe ihn vor drei Jahren auf dem Flohmarkt gekauft – etwas abgenützt ist er schon.“ Es dauerte endlose Sekunden bis bei mir der Groschen fiel: „Das … ist dein Mantel?“ „Natürlich!“, lachte sie und holte mir meinen Mantel aus der Garderobe, der mit ihrem, bis auf die Farbe, tatsächlich wenig Ähnlichkeit hatte. Was war passiert? Ich hatte GESEHEN, ein alter Mantel vom Tremblmarkt, Größe 36, wäre meiner und schon erkannte ich mein Spiegelbild nicht mehr. „Die Abenteuer sind im Kopf und wenn nicht da, dann nirgendwo“, hat Andre Heller einmal gesagt. Sehr richtig! Auch das Glück, der Argwohn, die Angst und der Irrtum sind Folgen unserer Sichtweise. Wie oft haben wir geistig die falsche Brille auf und fallen auf die billigste, optische Täuschung herein? Nur weil die Nachbarin nicht so oft Fenster putzt wie man selbst, denkt man gleich, sie wäre unordentlich, nur, weil der Junge wie ein Gangster-Rapper aussieht, meint man gleich in dieser Kleidung müsste ein halber Krimineller stecken.

Es liegt an unserem Blickwinkel, ob wir in dem anderen gute, liebenswerte Eigenschaften erkennen oder ob uns hauptsächlich auffällt, dass er alte Schuhe anhat. Es sind die Augen unserer Einstellung, die uns einen Waldweg von Herzen dankbar genießen lassen oder ob uns ein übervoller Papierkorb den Ausflug verdirbt. Es bringt jedenfalls viel Glück, den Kohlestaub des Misstrauens und der Missbilligung von der inneren Brille wegzuputzen. Es sei denn natürlich, man will die Dinge schwarzsehen, dann ist nichts zu machen, wie es der Volksmund schon erkannt hat:

„Niemand ist so blind wie der, der nicht sehen will!“

 

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Brille putzen! - Glosse von Ruth Hanke

Brille putzen!

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