Anstand für Anfänger: Türkisch und Deutsch

Die Burschen in dem tiefergelegten Sportwagen hupten ungeduldig, als eine alte Frau mit Rollator mühsam über die Straße mit dem unebenen Kopfsteinpflaster hinkte.
Schließlich ließen sie die Fensterscheibe herunter und einer von ihnen brüllte: „Hey, Oma, dalli-dalli! Sonst mach ich dich platt!“ Mesut, ein Klassenkamerad aus der Berufsoberschule und ich standen am Straßenrand, beobachteten dieses Verhalten empört und Mesut, türkischer Abstammung, schüttelte den Kopf.

„Euch werde ich nie begreifen“, meinte er.

„Hab ich das richtig verstanden: Sie beleidigen gerade ihre Oma?“

„Aber diese Frau ist doch nicht ihre Oma.“

„Ja, aber sie nennen sie so, eigentlich beschimpfen sie sie so. Ist denn eine Oma jemand Verächtliches? Bei uns würde sowas keinem Menschen einfallen!“

Er erklärte mir, dass es in der Türkei ein Zeichen von Ehrerbietung, besonderer Höflichkeit und Rücksichtnahme wäre, fremde Menschen mit dem Verwandtschaftsgrad anzusprechen. Zum Beispiel könnte man auf der Straße einen Herrn, der etwa 20 Jahre älter als man selbst ist, so ansprechen: „Entschuldigung, Onkel, weißt Du, wie ich zum Hauptbahnhof komme?“ oder zur Nachbarin zu sagen: „Gib mir die Taschen, Großmutter, ich trage sie die Treppe hinauf.“

Mesut konnte nicht begreifen, dass die Anrede eines Verwandtschaftsgrades nicht erhöhte Wertschätzung, sondern gerade das Gegenteil bedeutete.

Tatsächlich ist es bei vielen aber nicht nur in der Anrede, sondern der gesamten Grundeinstellung so. Manche Menschen erlauben sich in ihrer Familie ein schlampiges Äußeres, nachlässige Manieren und einen lieblosen Umgangston, der ihnen Fremden gegenüber nie einfallen würde und halten das noch für ganz selbstverständlich.

„Es ist doch nur die Oma …“ Nur? Hat jeder beliebige Busfahrer, Angestellter auf dem Einwohnermeldeamt oder Bäckereiverkäufer mehr Recht auf minimalen Anstand als ein Mensch, mit dem man verwandt ist, zusammenlebt und – trotz vielleicht berechtigter Kritik – immerhin einiges verdankt? Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir unsere Verwandten schlecht behandeln, denn dasselbe Benehmen, welches die Kinder von uns lernen, akkurat dieses werden sie uns gegenüber an den Tag legen. Nur dürfen wir uns dann nicht darüber beschweren, weil wir nicht beizeiten verhindert haben, dass solche Sitten einreißen.
Ich kenne nicht das Familienleben aller Türken, aber es ist mir sympathischer, wenn sie die Mutter, Schwester und den Opa etwas zu vehement verteidigen, als dass sie den Verwandtschaftsgrad als Schimpfwort benutzen.

Der intelligente Mesut hatte in allen Fächern Einsen oder Zweien, nur einmal bekam er in Deutsch eine Drei und beschwerte sich heftig über die Lehrerin: „Sie WILL mich einfach nicht verstehen!“
„Das ist auch nicht deine Mutter“, antwortete ich. „Sie braucht dich nicht zu verstehen; das ist deine Lehrerin und soll dich dazu bringen, dich verständlich auszudrücken.“

„He!“, fuhr er auf. „Was sagst du gegen meine Mutter?!“

„Aber gar nichts! Nur, dass sie nicht deine Lehrerin ist. Das ist …“, meinte ich vorsichtig. „…doch eigentlich nicht beleidigend, oder?“

Er überlegte einen Moment. Schließlich verwandelte sich sein misstrauischer Gesichtsausdruck in ein Lächeln. „Eigentlich nicht.“ „Prima!“, grinste ich. „Da hab ich ja nochmal Glück gehabt!“ –

 

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Anstand für Anfänger: Türkisch und Deutsch - Glosse von Ruth Hanke
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