An die 100!
Der Randolf steht in Unterwäsche vor dem großen Schrankspiegel im Schlafzimmer und betrachtet sich. Wie bekannt und unbestritten ist er 67 Jahre alt. Und, das muss zu seiner Ehre gesagt werden, er hat sich auch noch nie jünger gemacht, als er ist. „Dafür, dass ich schon hart auf die achtzig zugehe, bin ich aber noch sehr gut beieinander!“, stellt er zufrieden fest. „Also, das stimmt!“, muss ich ihm Recht geben, tief beeindruckt von der einfachen Effizienz seiner Überlegungen. Ein Mann der Zukunft wie er, schaut nach vorne, nicht zurück, wie das viele Menschen tun, wenn von ihrem Alter die Rede ist. Es gibt tatsächlich wenige Themen, bei denen mehr gelogen wird, als wenn es um das eigene Alter geht. Man versucht, sich verzweifelt jünger zu machen und trauert gleichzeitig vergangenen Zeiten nach. „Ich war früher gertenschlank und hatte so tolle Haare, dass mich die Leute auf der Straße darauf angesprochen haben“; erzählen sie traurig und viele beklagen ihre nachlassende Kraft: „Ich habe früher in einer Halbzeit drei Tore geschossen, die ganze Nacht gefeiert und gekartelt und war am nächsten Morgen topfit in der Arbeit!“
Auch der Randolf flunkert, was sein Alter angeht, aber in die andere Richtung, womit er beweist, dass die Früchte des Alters, nämlich Milde, Weisheit, Abgeklärtheit nicht spurlos an ihm vorübergegangen sind. Schließlich weiß er: So jung wie heute kommen er und sein Spiegel nicht mehr zusammen. Also neigt er dazu, sich zur Steigerung seines persönlichen Glücksgefühls, älter zu machen, als er ist, dabei schaufelt er auch noch jede Menge Komplimente von nichtsahnenden Zeitgenossen mit ein, deren Zuspruch, wenn wir ehrlich sind, kaum einem von uns entbehrlich ist.
Aber ich, anstatt ihn nur mit offenem Mund zu bewundern, zeige diesmal, dass ich – wie er es nennt – ein lernfähiges System bin. Ich werde demnächst aus meinem Alter ein großes Geheimnis machen und möglichst verlegen herumdrucksen: „ Ach, ich traue mich es ja gar nicht sagen …“ Und erst nach vielem Drängeln: „Sagen Sie es doch, ich erzähle auch bestimmt nicht weiter! Wie alt sind Sie denn?“, werde ich damit herausrücken: „An die hundert!“ Ich freue mich jetzt schon drauf, wie viel sprachlose Bewunderung ich absahnen werde! Ganz so arg schlimm gelogen ist es auch nicht, wie wenn ich behauptet hätte, ich wäre zwanzig Jahre alt, denn zwanzig kann ich mit Sicherheit nicht mehr werden, aber hundert vielleicht schon noch. Und wenn nicht, habe ich nur den Ertrag davon ein bisschen vorweggenommen. Auch kein Schaden.

An die 100!
