Actio ist gleich Reactio!

Mein Bruder, ein stabil gebauter, großer Typ saß auf der Außenkante der Bierbank und unterhielt sich auf dem jährlichen Betriebssommerfest intensiv mit seinem Abteilungsleiter über Strategie und Physik, ich selber saß auf der anderen Außenseite und wollte mir ein Getränk holen. Zwischen uns saß auch keiner mehr, weshalb ich es richtig fand, meinen Bruder zu warnen: „Obacht, ich steh jetzt auf!“ „Ja, geh nur“, meinte er. Ich guckte etwas ratlos, aber dann stand ich auf – und das Unvermeidliche geschah: Durch mein Aufstehen, lastete sein ganzes Gewicht ohne Gegengewicht auf der Außenkante, das nur auf die Stützen aufgelegte Brett der Bierbank schnellte hoch und er purzelte herunter. „Allmächt, ist dir was passiert?“ „Ach, nein“, er rappelte sich verdutzt wieder hoch. „Aber“ sagte ich. „ Ich dachte, das wäre Physik: Drehmoment und Hebelgesetz, Kraft mal Hebelarm oder so ähnlich.“

In diesem Punkt ist Actio immer gleich Reactio: Auf die physikalischen Grundkräfte ist Verlass. In allen anderen Bereichen des Lebens kommt es uns oft nicht so vor. Man kann es öfter erleben, dass einem der Typ den Parkplatz vor der Nase wegschnappt, der einfach dreist genug dazu ist, auch wenn man auf den Parkplatz schon gewartet hatte und lange vor diesem Menschen dran war. Manchmal bekommt nicht der fleißige und engagierte Mitarbeiter die Beförderung, sondern der, der am meisten angibt oder gleich der, der mit der Tochter vom Chef liiert ist. Über diesen offensichtlichen Ungerechtigkeiten vergeht manchem dann der Glaube daran, dass es sich lohnt, anständig zu handeln.

Die Finanzen auf den Cayman-Inseln anlegen, Steuern hinterziehen, die Versicherung betrügen, die Mitmenschen bei jeder Gelegenheit unverschämt anlügen – eine kleine Notlüge, weiter nichts – warum soll man das nicht machen, alle anderen machen es doch auch: Cosi fan tutte! Man ist doch bloß der Dumme, wenn man die Gelegenheit nicht ausnützt, oder? Ist das so? Wirklich? Tief innerlich weiß man es doch: Nur, weil es viele tun, muss es noch nichts Gutes sein. Ist mit sich selbst in Frieden zu leben nicht für das Glück wichtiger, als ein paar erschlichene Vorteile? Sehr wahrscheinlich ist das so, denn Psychologen haben herausgefunden, dass die meisten Diebe ihr ganzes Leben lang eine übersteigerte Angst haben, beklaut zu werden; dass es notorischen Lügnern am zwischenmenschlichen Vertrauen fehlt und Fremdgänger, die ihre Ehepartner betrügen, witziger Weise oft unter quälender Eifersucht leiden. Wenn man immer etwas tut, wovon man weiß, dass es verkehrt ist, passiert genau das, wie wenn man immer etwas vortäuscht, was nicht wahr ist: Die Persönlichkeit spaltet sich und man verliert an Kraft und Glaubwürdigkeit. Schließlich ist der Mensch, mit dem man die meiste Zeit verbringt, auf jeden Fall man selber und so gesehen stimmt vielleicht wieder, was mein Opa früher immer behauptet hat, dass nämlich gute Menschen ein gutes Leben haben – auch wenn es nicht immer reich und sorglos ist – und schlechte Menschen ein schlechtes. Es gibt einen Weg nach unten, auf dem es kein Zurück mehr gibt.

Außerdem ist unser Land gar nicht so gesetzlos, wie es sich einige Leute einreden: Auch Uli Hoeneß hat sich viele Jahre seines Lebens bestimmt nicht vorstellen können, dass er wegen seines Finanzgebarens tatsächlich und höchstpersönlich in den Knast kommt – wenn er das gewusst hätte, hätte er wohl manches anders gemacht. Und was ist mit dem Parkplatzrüpel? Auch da ist noch nicht aller Tage Abend. Ein Sprichwort sagt:
„Man trifft sich immer zweimal!“ Und dann geht es dem Parkplatzrüpel plötzlich so, wie es meinem Bruder mit der Bierbank gegangen ist: Actio ist gleich Reactio!

 

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Actio ist gleich Reactio - Glosse von Ruth Hanke
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