Ein Weihnachten wie nie

Ein Mensch mit reichlich Phantasie
wünscht sich ein Weihnachten wie nie.
Er will sich die Geschenke sparen
und lieber in die Wärme fahren.
Mit Palmen, Strandpartys und Wein
wird diesmal alles anders sein.
Nur er allein, keiner dabei,
fliegt er begeistert nach Hawaii,
wo, ganz wie im Prospekt es steht,
blutrot die Sonne untergeht.
Die Drinks sind kühl, steil ist der Fels,
die Musik dudelt „Jingle Bells“,
er liegt da, macht die Augen zu,
die Menschen lassen ihn in Ruh.
Sie sind ihm ja auch einerlei,
das hält zwei Tage oder drei.
Am vierten doch fassen ihn Sorgen –
zufällig ists der Weihnachtsmorgen –
ihn packt jetzt, überhaupt nicht smart,
ein Heimweh fürchterlichster Art.
Er hetzt, den letzten Flug zu kriegen,
um unverzüglich heimzufliegen.
Dafür lässt er nichts unversucht,
jedoch: Der Flug ist überbucht.
Er denkt an Iris und ihr Kind,
ein Frechdachs, wie die Jungs so sind,
denkt sehnsuchtsvoll an die Mama,
die war doch immer für ihn da,
an Christbaum, Gans und an zu Haus,
er starrt verzweifelt geradeaus
und sieht – er glaubt nicht Recht zu sehen —
die Seinen durch die Halle gehen.
Da erkennt ihn seine Schwester:
„Hast du das gewusst, mein Bester?
Wir packten doch die Reisetaschen,
um dich heut` hier zu überraschen!“
Die Mutter zeigt ihm ihre Gabe:
„Schau mal, was ich gebacken habe!“
Die Plätzchen geben ihm den Rest:
Er hält die Mama lange fest
und weiß auch ohne Phantasie:
Das wird ein Weihnachten wie nie!

 

Ein Weihnachten wie nie - Gedicht von Ruth Hanke
Gedichte von Ruth HankeEin Weihnachten wie nie

  • Wilhelm Petersen

    Liebe Frau Hanke, ein schönes Weihnachtsgedicht! Ich bewundere Sie, dass Sie die Worte so finden können. Hätte ich das Gedicht einige Tage vorher gelesen, hätte ich es auf jeden Fall auf unserer adventlichen Nachbarsrunde vorgetragen. – Unser Tel.Gespräch heute war schön. Vielen Dank für den Anruf, lieber Herr Hanke.

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